Kapitel 1 - Der Anfang einer Reise

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Der Wind hatte Aerendell seit dem Morgen nicht zur Ruhe kommen lassen.

Er strich durch die Gassen, fuhr unter die Vordächer und ließ die langen Stoffbahnen zwischen den Häusern anschwellen, bis sie sich wieder mit einem tiefen Rascheln senkten. Von irgendwoher erklangen helle Metalltöne. Erst einer, dann mehrere, als antworteten sich die Windspiele über Dächer und Plätze hinweg.

Selbst in der Schankstube war die Stadt zu hören.

Mino saß nahe dem offenen Fenster und hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt. Seit einer Weile verfolgte er nicht mehr das Gespräch der Gäste, sondern die Geräusche von draußen: Wagenräder auf Stein, Rufe vom Markt, das Knarren eines großen Windsegels und darunter dieses gleichmäßige, ferne Summen, dessen Ursprung er noch immer nicht gefunden hatte.

Die Stadt war anders als alles, was er kannte.

Größer vor allem.

Zu groß, um sie an einem Tag zu verstehen.

Vor ihm auf dem Tisch lagen vier Kupfermünzen.

Celestina hielt eine davon zwischen zwei Fingern und betrachtete sie, als könnte sie durch bloßes Ansehen ihren Wert vermehren.

„Für heute reicht es“, sagte Mino.

Sie legte die Münze zurück.

„Vielleicht.“

„Und morgen haben wir wieder Geld.“

Jetzt sah sie auf.

„Woher?“

Mino zuckte mit den Schultern.

„Das finde ich morgen heraus.“

Celestina antwortete nicht.

Ihr Reisemantel hing über der Lehne ihres Stuhls. Darunter trug sie ein einfaches, helles Hemd und eine dunkle Hose, beides vom Reisen bereits ein wenig mitgenommen. Ihr weißes Haar fiel offen über ihre Schultern und hob sich jedes Mal leicht, wenn eine stärkere Böe durch das Fenster drang.

Seit sie am Tisch saßen, hatte sie kaum etwas gegessen.

„Cele.“

„Hm?“

„Ich meine es ernst.“

„Das weiß ich.“

„Wieso schaust du dann so?“

„Wie schaue ich denn?“

Mino musterte sie einen Moment lang.

„Als würdest du mir nicht glauben.“

Celestina senkte den Blick wieder auf die Münzen.

„Darum geht es nicht.“

Das sagte sie ruhig. Gerade deshalb blieb es zwischen ihnen liegen.

Mino lehnte sich zurück.

Am Tisch neben ihnen lachte jemand laut. Zwei Männer stießen ihre Krüge gegeneinander, Bier schwappte über den Rand, und für einen Moment verschwand das Klirren der Windspiele draußen unter dem Lärm der Schankstube.

„Gut“, sagte Mino. „Worum geht es dann?“

Celestina strich mit dem Daumen über eine Kerbe im Tisch.

„Was willst du morgen machen?“

„Arbeit finden.“

„Was für Arbeit?“

„Was sich eben ergibt.“

„Und wenn sich nichts ergibt?“

Mino sah sie an.

„Das ist noch nie passiert.“

„Für alles gibt es ein erstes Mal, Mino.“

Er verstand nicht, worauf sie hinauswollte.

In den vergangenen Monaten hatte es immer irgendwie funktioniert. Nicht immer bequem und selten so, wie sie es morgens geplant hatten. „Aber sie hatten gegessen, ihre Vorräte aufgefüllt, und wenn sie Geld benötigt hatten, hatte sich eine Möglichkeit ergeben.“

Oder Mino hatte dafür gesorgt, dass sich eine ergab.

Er wusste, wie man Wild aufspürte und welche Kräuter sich verkaufen ließen. Er wusste, wann ein Händler bluffte, wann ein Bauer dringend eine zusätzliche Hand brauchte und wann es sich lohnte, noch zwei Straßen weiterzugehen, bevor man einen Preis akzeptierte.

Und wenn all das nicht reichte, konnte er reden.

Das hatte bisher oft genug genügt.

„Wir werden nicht verhungern“, sagte er schließlich. „Wenn dich das beschäftigt.“

Celestinas Gesicht veränderte sich kaum.

„Das beschäftigt mich nicht.“

Mino runzelte die Stirn.

„Wir haben genug für heute. Morgen sehe ich mich am Markt um. Irgendjemand braucht immer Hilfe. Wenn nicht dort, dann außerhalb der Stadt. Holz, Jagd, Botengänge. Vielleicht gibt es Höfe in der Nähe.“

Er beugte sich etwas vor.

„Mir fällt etwas ein. Vertrau mir.“

„Das tue ich.“

Die Antwort kam sofort.

Mino hielt inne.

Celestina schob die Münzen mit der Handfläche zusammen.

„Aber gestern war es der Bauer vor der Stadt. Davor haben wir einen Zaun repariert. Und davor hast du einem Mann ein vollkommen gewöhnliches Heilkraut für viel zu viele Münzen verkauft.“

Mino verzog leicht den Mund.

„Es war kein gewöhnliches Heilkraut. Es wächst nur bei Vollmond.“

Celestina starrte ihn an.

„Es wächst auch bei Vollmond.“

Mino hob die Schultern.

„Jacke wie Hose.“

Für einen Moment musste sie lächeln.

Dann verschwand das Lächeln wieder.

„Genau das meine ich.“

Mino sagte nichts.

„Es klappt immer“, fuhr sie fort. „Irgendwie. Du redest mit jemandem, wir finden Arbeit, jemand lässt uns irgendwo schlafen. Und am nächsten Morgen fangen wir wieder von vorne an.“

Sie sah ihn an.

„Immer nur bis morgen.“

Mino ließ den Blick über den Tisch wandern.

Vier Münzen.

Zwei Becher.

Ein leerer Teller.

Alles, was ihnen im Augenblick gehörte, passte beinahe in eine Hand.

Er hatte das bisher nicht besonders beunruhigend gefunden.

„Wir können eine Weile in Aerendell bleiben“, sagte er. „Wenn du nicht weiterziehen willst.“

„Und wo?“

„Hier.“

„In der Taverne?“

„In der Stadt.“

Celestina schüttelte den Kopf.

„Das meine ich nicht, Mino.“

Etwas in ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen.

Nicht Wut.

Eher die Anstrengung, etwas zu erklären, für das ihr selbst die richtigen Worte fehlten.

Mino wurde unruhig.

Nicht wegen ihr.

Wegen des Gefühls, dass er immer noch an dem vorbeiredete, was sie eigentlich sagen wollte.

„Dann sag mir, was du meinst.“

Celestina antwortete nicht sofort.

Der Wind draußen nahm zu. Die Segel über der Straße spannten sich mit einem tiefen Schlag. Eine ganze Reihe von Windspielen setzte beinahe gleichzeitig ein, und für einige Atemzüge schien die Stadt selbst zu singen.

Als die Böe nachließ, sprach sie leiser.

„Im Turm war es anders.“

Mino bewegte sich nicht.

Seit sie durch das Portal gefallen waren, hatten sie kaum über den Turm gesprochen.

Vielleicht absichtlich.

„Wir hatten dort auch nicht viel“, sagte er.

„Nein.“

„Manchmal weniger als jetzt.“

„Das stimmt.“

Celestinas Finger ruhten auf den Münzen.

„Aber wir hatten einen Ort.“

Mino sah zum Fenster.

Noch vor wenigen Minuten hatte Aerendell gewaltig auf ihn gewirkt.

Jetzt wirkte die Stadt nur noch fremd.

„Wenn ein Tag schlecht war“, sagte Celestina, „sind wir trotzdem nach Hause gegangen.“

Zuhause.

Mino sah den Turm vor sich, ohne es zu wollen.

Den schmalen Weg durch den Wald. Das Moos zwischen den alten Steinen. Die Fenster, die Sylphy im Frühjahr immer öffnete, obwohl er jedes Jahr behauptete, dass es noch zu kalt dafür sei.

Die Küche mit dem Tisch, der an einer Ecke schief stand.

Sein Zimmer.

Das größere Zimmer, das er Celestina überlassen hatte.

Die Regale, für die sie längst zu viele Bücher besaßen. Der Geruch von Holzrauch und getrockneten Kräutern. Abends das Licht hinter den Fenstern, wenn einer von ihnen später vom Wald zurückkam.

Es war nie besonders viel gewesen.

Aber es war ihres gewesen.

„Wir kommen zurück“, sagte Mino.

Celestina sah ihn an.

„Wir finden einen Weg. Irgendjemand hier muss wissen, wie diese Portaldinger funktionieren. Wir sind nicht auf der anderen Seite der Welt.“

Zumindest hoffte er das.

Er hielt ihrem Blick stand.

„Cele, wir kommen zurück.“

Ihr Gesicht wurde weicher.

Das machte es schlimmer.

„Das weißt du nicht.“

Mino öffnete den Mund.

Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs hatte er keine Antwort.

Er hätte ihr sagen können, dass er es herausfinden würde.

Dass jedes Portal irgendwohin führen musste und es deshalb auch einen Weg zurückgeben würde.

Dass sie lediglich die richtigen Leute finden mussten.

Dass zwei Tage in einer fremden Stadt nichts bedeuteten.

Vielleicht stimmte sogar etwas davon.

Aber nichts davon änderte, dass sie recht hatte.

Mino lehnte sich zurück und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar.

„Nein“, sagte er schließlich. „Du hast recht. Das weiß ich nicht.“

Celestina senkte den Blick.

Eine Weile sprachen sie nicht.

Die Wirtin ging an ihrem Tisch vorbei, nahm einen leeren Krug vom Nachbartisch und verschwand wieder zwischen den Gästen. Niemand schenkte ihnen Beachtung.

Draußen ging Aerendell seinem Tag nach.

Menschen handelten, arbeiteten, stritten, trugen Kisten über den Platz. Auf den Dächern drehten sich die Windräder weiter, als wäre es vollkommen gleichgültig, ob zwei Fremde wussten, wohin sie gehörten.

Mino betrachtete Celestina.

Vor sechs Monaten hatte er sie in seinen Turm gelassen.

Zuerst hatte er geglaubt, sie würde einige Tage bleiben.

Dann einige Wochen.

Irgendwann hatte er aufgehört, darüber nachzudenken.

Ihre Stiefel hatten neben seinen an der Tür gestanden. Ihre Sachen hatten in Schränken gelegen, die vorher leer gewesen waren. Wenn er vom Wald zurückkam und Licht in den Fenstern sah, hatte er sich schon lange nicht mehr gefragt, wer dort auf ihn wartete.

Es war einfach Cele.

Vielleicht hatte er nicht bemerkt, wann der Turm auch für sie zu einem Zuhause geworden war.

Vielleicht hatte er deshalb auch nicht verstanden, dass sie gerade dasselbe verloren hatte wie er.

„Was willst du tun?“, fragte er.

Diesmal lag nichts Herausforderndes mehr in seiner Stimme.

Celestina zögerte.

„Gestern sind wir an diesem großen Gebäude vorbeigekommen. Nahe dem nördlichen Platz.“

Mino erinnerte sich.

Heller Stein. Hohe Fenster. Menschen waren ein und aus gegangen, viele von ihnen mit Waffen oder schweren Reisetaschen.

„Die Gilde.“

Celestina nickte.

„Ich habe hier jemanden darüber reden hören. Sie vergeben Aufträge.“

„An Abenteurer.“

„Offenbar.“

Mino betrachtete sie.

„Du willst Abenteurerin werden?“

„Ich weiß nicht einmal, was man dafür tun muss.“

Zum ersten Mal an diesem Tag hörte er Unsicherheit in ihrer Stimme.

Celestina sah wieder zu den Münzen.

„Ich weiß auch nicht, ob sie uns überhaupt helfen können.“

Sie hielt kurz inne.

„Aber vielleicht können wir wenigstens fragen.“

Mino schwieg.

„Ein Auftrag ist etwas Echtes“, fuhr sie fort. „Wir wissen, was jemand von uns will. Wir wissen, was wir dafür bekommen. Vielleicht können wir etwas sparen. Vielleicht lernen wir Leute kennen, die uns sagen können, wie wir von dieser Ebene wieder herunterkommen.“

Sie hob den Blick.

„Ich will einfach nicht jeden Morgen aufwachen und darauf warten, dass sich für diesen einen Tag wieder irgendetwas ergibt.“

Mino dachte darüber nach.

Die Gilde gefiel ihm nicht besonders.

Nicht, weil er etwas über sie wusste.

Gerade das war das Problem.

Große Gebäude mit Zeichen über den Türen bedeuteten meistens Regeln. Regeln bedeuteten Leute, die entschieden, wer etwas durfte, wer etwas bekam und was man dafür zu tun hatte.

Mit solchen Leuten hatte Mino selten gute Erfahrungen gemacht.

Meistens war es einfacher gewesen, einen anderen Weg zu finden.

Aber diesmal ging es nicht nur um ihn.

„Und wenn sie uns nicht nehmen?“

Celestina zuckte leicht mit den Schultern.

„Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.“

Mino sah erneut auf die vier Kupfermünzen.

Vielleicht konnte er morgen Arbeit finden.

Wahrscheinlich konnte er das.

Und übermorgen ebenfalls.

Er konnte dafür sorgen, dass sie etwas zu essen bekamen. Er konnte einen Schlafplatz auftreiben. Er konnte so lange mit irgendeinem Händler reden, bis dieser glaubte, ein gewöhnliches Kraut sei etwas Besonderes.

Das alles traute er sich zu.

Zum ersten Mal fragte er sich, ob es das war, was Celestina von ihm brauchte.

„Gut“, sagte er.

Sie blickte auf.

„Wir gehen hin.“

„Wirklich?“

Mino nahm die Münzen vom Tisch und ließ sie in seinem Beutel verschwinden.

„Du willst etwas Echtes.“

Er sah noch einmal hinaus in die fremde Stadt.

„Dann finden wir etwas Echtes.“

Celestina betrachtete ihn einen Moment lang.

Sie wirkte noch immer nicht glücklich.

Aber etwas von der Anspannung in ihrem Gesicht war verschwunden.

Für Mino genügte das vorerst.

Er stand auf und griff nach seinem Umhang. Celestina nahm ihren Mantel von der Stuhllehne.

Gerade als sie zur Tür gingen, öffnete ein Gast sie von draußen.

Der Wind fuhr in die Schankstube, ließ die Lampen flackern und verschluckte für einen Augenblick die Stimmen hinter ihnen. Celestinas Haar flog ihr ins Gesicht, während Mino seinen Umhang festhielt.

Vor ihnen lag Aerendell.

Eine Stadt, deren Straßen sie kaum kannten, auf einer Ebene, auf die sie nie hatten gelangen wollen.

Mino blieb einen Augenblick in der Tür stehen.

Dann sah er zu Celestina.

„Wir kriegen das hin.“

Sie antwortete nicht sofort.

Schließlich nickte sie.

Mino wusste nicht, ob sie ihm glaubte.

Er wusste nur, dass er vorhatte, dafür zu sorgen.

Die Tür der Taverne fiel hinter ihnen ins Schloss.

Der Wind empfing sie sofort.

Nicht mit der kalten Schärfe, die Mino aus den Wäldern um den Turm kannte. Dieser Wind war wärmer, unsteter, voller Gerüche und Geräusche. Er trug den Duft von gebratenem Fleisch aus einer Seitengasse herüber, riss ihn im nächsten Augenblick wieder fort und brachte dafür Gewürze, Rauch und etwas Süßes mit, das Mino nicht kannte.

Celestina hielt eine Hand an den Kragen ihres Mantels, bis die erste Böe vorüber war.

„Daran werde ich mich nie gewöhnen.“

Mino trat neben sie.

„Ich finde ihn angenehm.“

Celestina sah ihn kurz an, sagte aber nichts dazu.

Gemeinsam folgten sie der Straße nach Norden.

Je weiter sie sich von der Taverne entfernten, desto mehr öffnete sich Aerendell vor ihnen.

Die Häuser standen dicht beieinander, meist aus hellem Stein errichtet und von dunklen Holzbalken durchzogen. Manche waren kaum höher als zwei Stockwerke, andere ragten mit schmalen Türmen weit über ihre Nachbarn hinaus. Zwischen ihnen spannten sich Stoffbahnen in Weiß, Grün und blassem Gold. Einige dienten als Sonnenschutz, andere schienen nur dafür gemacht zu sein, den Wind einzufangen.

Überall bewegte sich etwas.

Kleine Räder drehten sich an Dachfirsten. Lange Bänder schlugen gegen Masten. Metallene Röhren hingen unter Vorsprüngen und begannen zu singen, sobald die Luft durch sie hindurchfuhr.

Mino blieb vor einem besonders großen Windspiel stehen.

Es hing zwischen zwei Häusern und bestand aus mehr als einem Dutzend schmaler Metallplatten. Der Wind bewegte sie kaum sichtbar gegeneinander, doch jeder Kontakt erzeugte einen anderen Ton.

Es war kein Lied, zumindest keines, das Mino kannte. Trotzdem hörte er länger hin, als er beabsichtigt hatte.

Celestina war einige Schritte voraus, ehe sie bemerkte, dass er stehen geblieben war.

„Kommst du?“

Mino deutete nach oben.

„Hör dir das an.“

Sie trat zurück zu ihm.

Für einige Augenblicke standen sie schweigend dort.

Der Wind wechselte.

Mit ihm veränderten sich auch die Töne.

Ein tiefer Klang verschwand beinahe vollständig. Zwei hellere traten an seine Stelle, wurden von einer Böe auseinandergezogen und fanden sich wieder.

Celestina lächelte schwach.

„Es verändert sich ständig.“

„Vielleicht macht es das absichtlich.“

„Das Windspiel?“

„Die Stadt.“

Celestina sah ihn von der Seite an.

Diesmal war das Schweigen zwischen ihnen nicht schwer, sondern ruhig.

Mino ließ seinen Blick über die Häuser wandern.

An vielen Türen und Mauern fand sich dasselbe Motiv wieder: geschwungene Linien, die sich um eine kleine Gestalt oder einen grünen Stein legten. Manche waren nur einfache Schnitzereien. Andere bestanden aus farbigem Glas oder Metall.

Bald wurde die Straße breiter.

Aus kleinen Läden wurden offene Stände, aus einzelnen Stimmen ein stetiges Gemurmel. Händler riefen Preise aus. Ein Schmied hatte seine Werkstatt halb zur Straße hin geöffnet, damit der Wind den Rauch der Esse hinauszog. Zwei Kinder liefen zwischen den Erwachsenen hindurch und jagten einem kleinen Stoffdrachen nach, der knapp über dem Pflaster tanzte.

Über ihnen glitt ein Schatten hinweg.

Mino blickte auf.

Eine Frau flog zwischen den Dächern hindurch.

Für einen Moment glaubte er, sich getäuscht zu haben. Dann sah er die großen gefiederten Flügel, die sich von ihrem Rücken spannten. Mit wenigen kräftigen Schlägen gewann sie Höhe, legte die Flügel an und ließ sich vom Wind über den Platz tragen.

Weiter hinten folgte eine zweite.

Mino blieb mitten auf der Straße stehen.

Ein Mann mit einer Holzkiste musste ihm ausweichen.

„He!“

„Entschuldigung.“

Mino trat an den Rand.

Celestina hatte ebenfalls nach oben gesehen.

„Hast du so etwas schon einmal gesehen?“, fragte sie.

„Nein.“

Die erste der geflügelten Frauen landete auf einem Balkon im dritten Stock, als wäre daran nichts Bemerkenswertes.

Niemand sonst blickte hin.

Nur Mino und Celestina.

Mino musste lächeln.

„Gut.“

„Was ist gut?“

„Dass wir nicht die Auffälligsten hier sind.“

Celestina ließ ihren Blick kurz über sein zerzaustes Haar und den abgetragenen Umhang wandern.

„Das war bisher auch nicht meine größte Sorge.“

Sie gingen weiter.

An einer Straßenecke standen drei junge Männer vor einem kleinen steinernen Schrein. Einer legte eine weiße Blume auf die flache Schale davor. Ein anderer berührte für einen Augenblick das Zeichen über dem Schrein.

Wieder diese geschwungenen Linien.

Wieder die kleine geflügelte Gestalt.

Mino verlangsamte seinen Schritt.

Die Form der Flügel erinnerte ihn an etwas, ohne dass er den Gedanken recht zu greifen bekam.

Für einen Moment strich der Wind ungewöhnlich sanft an seiner Wange vorbei.

Mino wandte den Kopf.

Dort war nur eine grüne Stoffbahn, die über der Straße flatterte.

Er blieb einen Augenblick stehen.

„Mino?“

Celestina hatte sich zu ihm umgedreht.

„Schon gut.“

Er holte zu ihr auf.

Vielleicht bildete er es sich ein.

Seit sie Aerendell betreten hatten, war Sylphy stiller als sonst. Sie war nicht fort – das hätte Mino gespürt –, aber ungewöhnlich zurückgezogen.

Er hatte sie nicht gefragt, warum.

Noch nicht.

Vor ihnen öffnete sich die Straße zu einem breiten Platz.

Hier wurde Aerendell plötzlich größer.

Die eng stehenden Häuser wichen zurück und gaben den Blick auf einen Bau frei, der beinahe die gesamte gegenüberliegende Seite des Platzes einnahm.

Heller Stein bildete das Fundament und die hohen Bögen der Fassade. Dazwischen lagen Flächen aus blassem, leicht grünlich schimmerndem Glas, in denen sich Himmel und Wolken spiegelten. Über dem großen Eingang spannte sich ein Gerüst aus goldfarbenem Metall.

Mehrere Segel waren daran befestigt.

Mit jeder Böe drehten sie sich langsam gegeneinander.

Ein tiefer Ton erklang.

Dann ein zweiter.

Mino erkannte sofort, was sie da vor sich hatten. Nicht am Wappen über dem Tor oder an dem Gebäude selbst, sondern an den Menschen, die dort ein und aus gingen.

Bewaffnete Männer und Frauen bewegten sich über den Platz. Einige trugen Bögen oder Schwerter, andere schwere Rucksäcke, zusammengerollte Karten oder Gegenstände, deren Zweck Mino nicht einmal erraten konnte. Zwei Männer standen nahe dem Eingang und verglichen etwas auf einer kleinen Steintafel miteinander.

Celestina blieb neben ihm stehen.

„Das muss sie sein.“

Mino sah zum Eingang hinauf.

„Die Gilde.“

Sie nickte.

Noch vor einer Stunde war sie nur ein Gedanke gewesen. Nun stand das gewaltige Gebäude direkt vor ihnen.

Mino verschränkte die Arme.

Celestina bemerkte seinen Blick.

„Du hast es versprochen.“

„Ich habe gesagt, dass wir hineingehen.“

„Das klingt gerade nach einem Unterschied.“

Mino atmete langsam aus.

„Ist es auch.“

Dann setzte er sich in Bewegung.

Nach einigen Schritten bemerkte er, dass Celestina nicht neben ihm war.

Er drehte sich um.

Sie stand noch immer an derselben Stelle.

Der Entschluss aus der Taverne war nicht verschwunden, aber jetzt, da sie tatsächlich vor dem Gebäude standen, wirkte sie plötzlich weniger sicher.

Mino ging ein Stück zurück.

„Alles gut?“

Celestina betrachtete die Menschen vor dem Eingang.

„Was, wenn wir doch vollkommen fehl am Platz sind?“

Mino folgte ihrem Blick.

Ein Mann mit einem gewaltigen Schwert auf dem Rücken trat aus der Gilde. Hinter ihm kam eine Frau, deren Mantel bis zum Boden reichte und an dessen Saum schwache Runen glommen.

„Dann finden wir es drinnen heraus.“

Celestina sah zu ihm.

Mino deutete mit dem Kopf zum Eingang.

„Du wolltest etwas Echtes.“

Sie holte einmal tief Luft und nickte.

Gemeinsam überquerten sie den Platz.

Im Gildenhaus herrschte ein geschäftiges Durcheinander.

An langen Tischen wurden Karten ausgebreitet und Beutel mit Münzen gezählt. Vor einem großen Brett an der Seitenwand standen mehrere Gruppen und lasen die dort befestigten Tafeln. Manche verschwanden nach wenigen Augenblicken wieder, andere blieben lange davor stehen und berieten sich gedämpft.

Mino und Celestina schenkte zunächst kaum jemand Beachtung.

Sie reihten sich an einem der Schalter ein und warteten, bis die beiden Männer vor ihnen ihre Angelegenheit beendet hatten. Erst dann winkte sie der ältere Mitarbeiter hinter dem Tresen näher.

Sein graues Haar war sauber zurückgekämmt, eine schmale Brille saß tief auf seiner Nase. Er betrachtete die beiden kurz und legte die Feder zur Seite.

Celestina begann.

„Wir suchen Arbeit. Uns wurde gesagt, dass die Gilde Aufträge vergibt.“

„Das tut sie.“ Der Mann deutete auf das Brett an der Wand. „Allerdings nicht jeden Auftrag an jeden. Was könnt ihr?“

Celestina überlegte einen Moment.

„Wir haben bisher genommen, was sich ergeben hat. Botengänge, Arbeit auf Höfen, Jagd. Solche Dinge.“

„Und wenn ein Auftrag gefährlicher wird?“

Ihr Blick wurde ernster.

„Ich kann kämpfen.“

Der Mann musterte sie.

In ihrer einfachen Reisekleidung gab es wenig, das diese Aussage besonders eindrucksvoll wirken ließ.

Celestina schien seinen Zweifel zu bemerken.

Sie hob die rechte Hand.

Mino kannte die Bewegung gut genug, um bereits zu wissen, was folgte.

Ein matter Schimmer zog sich über ihre Finger. Mana sammelte sich in ihrer Hand, verdichtete sich und nahm innerhalb weniger Augenblicke eine feste Form an. Erst erschien der lange Schaft, dann die breite Spitze ihres Speeres, bis Celestina die Waffe schließlich vollständig in der Hand hielt.

In ihrer Haltung veränderte sich dabei etwas.

Es war nur ein Augenblick gewesen, und doch stand vor dem Tresen nicht mehr dieselbe Frau, die draußen noch gezögert hatte, das Gebäude zu betreten.

Der Mitarbeiter sagte zunächst nichts.

Dafür wurde es in ihrer Umgebung merklich ruhiger.

Nicht die ganze Halle verstummte. Doch ein Gespräch am nächsten Tisch brach ab. Jemand am Auftragsbrett wandte den Kopf. Zwei Abenteurer, die eben noch über eine Karte gesprochen hatten, musterten erst den Speer und anschließend Celestina.

Dann fiel ihr Blick auf Mino.

Das Tuscheln begann leise.

Celestina bemerkte es erst jetzt.

„Ist etwas?“

Der Mitarbeiter sah kurz an ihr vorbei in die Halle.

„Ich würde aufpassen, vor wem du diese Ausrüstung rufst.“

Celestina blickte auf ihren Speer.

„Warum?“

„Weil sie teuer aussieht. Und weil sich in den letzten Wochen die Meldungen über Banditen rund um Aerendell häufen.“

Mino sah zu den Leuten, die noch immer zu ihnen herüberschauten.

„Dann wären sie ziemlich dumm, wenn sie sich ausgerechnet mit Cele anlegen.“

Der ältere Mann betrachtete ihn.

Mino meinte es vollkommen ernst.

Schließlich wandte sich der Mann wieder Celestina zu.

„Ich nehme an, du weißt damit umzugehen.“

„Ja.“

Diesmal zweifelte er nicht daran.

Celestina ließ den Speer wieder verschwinden. Das Mana löste sich von der Spitze her auf, bis zuletzt auch der Schaft in ihrer Hand verging.

Einige der Blicke blieben trotzdem.

Der Mann zog seine Mappe etwas näher zu sich.

„An euren Fähigkeiten dürfte es also zumindest nicht grundsätzlich scheitern. Das Problem ist ein anderes.“

„Welches?“, fragte Celestina.

„Ihr habt keine Abenteurerrunen.“

Mino und Celestina sahen einander an.

Der Mitarbeiter bemerkte es sofort.

„Ihr wisst nicht, was das ist.“

„Nein“, sagte Celestina.

Er griff unter seinen Kragen und zog ein schmales Band hervor, an dem ein kleiner dunkler Stein befestigt war.

„Wer offiziell für die Gilde arbeitet, wird registriert. Diese Rune wird an ihren Träger gebunden und weist diese Registrierung nach. Sie hält den Rang fest und welche Aufträge über die Gilde angenommen wurden. Ohne sie darf ich euch nichts vom Brett geben.“

Celestina betrachtete die Rune.

„Dann lassen wir uns registrieren.“

„Das könnt ihr. Nur nicht hier.“

Ihre Stirn zog sich zusammen.

„Warum nicht?“

„Neue Runen werden nur in den Hauptsitzen auf Ebene eins gebunden. Wenn ihr von Aerendell aus hinunterwollt, wäre Glanzfurt vermutlich die einfachste Wahl.“

Mino lehnte sich etwas näher an den Tresen.

„Wir sind gerade erst hier angekommen.“

„Das hatte ich vermutet.“

Celestina sah kurz zum Auftragsbrett hinüber.

Mino erkannte ihre Enttäuschung.

„Wie kommen wir nach Glanzfurt?“, fragte er.

Der Mitarbeiter zog eine flache Steintafel hervor und legte sie vor ihnen auf den Tresen. Feine Linien zeichneten Straßen, Städte und Verbindungen nach.

„Aerendell besitzt ein Portal direkt nach Silberquell auf Ebene eins. Für euch wäre das theoretisch der kürzeste Weg.“

„Theoretisch?“

„Es gehört der Stadt. Nicht der Gilde. Ohne Genehmigung des Magistrats kommt ihr dort nicht durch.“

Mino betrachtete die Markierung.

„Also kann nicht jeder einfach jedes Portal benutzen.“

„Bei weitem nicht.“

Der Mitarbeiter sah die beiden einen Moment lang an.

„Wie seid ihr überhaupt hierhergekommen? Wenn ihr keine Rune besitzt, wart ihr vermutlich vorher nicht auf einer der oberen Ebenen unterwegs.“

Celestina sah zu Mino.

Er wusste bereits, was dieser Blick bedeutete.

„Wir haben ein altes Portal gefunden“, sagte er.

„Wo?“

„Auf einer anderen Ebene.“

„Welche?“

Mino zuckte leicht mit den Schultern.

„Das wussten wir vorher schon nicht besonders genau.“

Der Mann nahm die Brille ab.

„Und ihr habt ein Portal benutzt, obwohl ihr nicht wusstet, wohin es führt?“

„Aus Neugier.“

Celestina verschränkte die Arme.

„Aus Dummheit.“

Mino warf ihr einen Blick zu.

„Das eine schließt das andere nicht aus.“

Der Mitarbeiter setzte langsam seine Brille wieder auf.

„Ihr hattet Glück.“

Diesmal widersprach keiner von ihnen.

Sein Finger wanderte über die Karte nach Westen.

„Wenn ihr keine Genehmigung für das Stadtportal bekommt, bleibt euch der offizielle Weg über Risena. Die Hafenstadt besitzt ein Gildenportal zur zweiten Ebene. Von dort könnt ihr dem Portalnetz weiter Richtung Glanzfurt folgen.“

Celestina beugte sich über die Karte.

„Wie weit ist Risena?“

„Zu Fuß etwa fünf Tage. Vielleicht sechs, je nachdem, wie schnell ihr vorankommt.“

Mino sah die Strecke entlang.

Fünf Tage.

Mit vier Kupfermünzen.

„Gibt es unterwegs Siedlungen?“

„Mehrere. Haltet euch an die Hauptstraße und später an den Küstenweg. Ihr werdet an Höfen und Poststationen vorbeikommen. Arbeit kann ich euch dort nicht versprechen, aber vollkommen auf euch allein gestellt seid ihr nicht.“

Celestina schwieg.

Der Plan, den sie noch am Morgen gehabt hatten, war inzwischen wesentlich größer geworden.

Sie waren hierhergekommen, weil sie Geld verdienen wollten.

Nun sollten sie erst eine Stadt erreichen, mehrere Tage reisen, eine weitere Ebene durchqueren und schließlich nach Glanzfurt gelangen, bevor sie überhaupt anfangen konnten.

„Wir müssen das nicht machen“, sagte sie nach einer Weile.

Mino sah sie an.

„Du wolltest zur Gilde.“

„Ja. Aber ich wusste nicht, dass wir dafür durch die halbe Welt reisen müssen.“

„Halb ist vielleicht etwas übertrieben.“

Sie sah ihn nur an.

Mino wandte sich wieder der Karte zu.

Noch vor einer Stunde hätte ihm die Vorstellung wahrscheinlich nicht gefallen.

Jetzt war es anders.

„Ich will die Rune.“

Celestina wirkte überrascht.

„Du wusstest bis gerade eben nicht einmal, dass es sie gibt.“

„Stimmt.“

Er deutete auf das Auftragsbrett.

„Aber wenn wir eine haben, können wir selbst entscheiden, was wir damit machen. Wir müssen nicht jeden Auftrag annehmen. Wir müssen überhaupt keinen annehmen, wenn wir es nicht wollen.“

Sein Finger wanderte zur Markierung von Risena.

„Ohne die Rune können wir nicht einmal entscheiden.“

Celestina sagte zunächst nichts.

Mino sah sie an.

„Wir gehen nach Risena, holen uns in Glanzfurt diese Rune und danach schauen wir weiter. Wenn uns das Ganze nicht gefällt, lassen wir es.“

Für einen Moment blieb ihr Blick auf ihm liegen.

Dann sah sie wieder zur Karte.

„Fünf Tage.“

„Fünf oder sechs.“

„Das macht es nicht besser.“

„Nein.“

Celestina atmete aus.

Dann nickte sie.

„Gut. Dann ziehen wir es durch.“

Der Mitarbeiter, der ihr Gespräch schweigend verfolgt hatte, nahm die Karte wieder an sich.

„Holt euch im Stadtarchiv eine Wegkarte nach Risena. Damit solltet ihr bis zur Küste keine Probleme haben.“

Mino nickte.

„Danke.“

Celestina bedankte sich ebenfalls.

Als sie sich vom Tresen entfernten, folgten ihnen noch immer vereinzelte Blicke.

Mino sah kurz zu Cele.

„Wegen des Speeres?“

„Vermutlich.“

Sie ging weiter.

Mino warf einen letzten Blick zum Auftragsbrett.

Beim nächsten Mal, dachte er, würden sie nicht nur davorstehen.

Dann folgte er Celestina zum Ausgang.

Kaum hatten Mino und Celestina die Stufen der Gilde hinter sich gelassen, drang eine Stimme vom Rand des Platzes zu ihnen herüber.

„He, Weißhaarige.“

Celestina reagierte zunächst nicht.

Drei Männer saßen auf einer niedrigen Steinmauer unweit des Eingangs. Vor ihnen standen Becher und eine halb geleerte Flasche, und mindestens zwei von ihnen hatten bereits deutlich mehr getrunken, als ihnen guttat.

Der in der Mitte erhob sich.

Er war kräftig gebaut, trug ein Schwert an der Hüfte und hatte jenes unsichere Schwanken in den Bewegungen, das er vermutlich selbst längst nicht mehr bemerkte. Sein Blick wanderte ohne jede Zurückhaltung über Celestina.

„Der Speer war beeindruckend. Aber ehrlich gesagt schaue ich lieber dich an.“

Einer seiner Freunde lachte.

Celestina blieb stehen.

Mino ebenfalls.

„Komm“, sagte sie leise. „Lass uns einfach gehen.“

Der Mann trat näher an Celestina heran.

„Jetzt stell dich nicht so an. Ich mach dir doch nur ein Kompliment.“

Celestinas Blick wurde kälter.

„Ich habe kein Interesse. Lasst uns vorbei.“

Sie wollte an ihm vorbeigehen, doch er stellte sich erneut in den Weg.

Mino blieb neben ihr stehen.

„Sie hat Nein gesagt.“

Der Mann wandte sich ihm zu.

„Und wer bist du? Ihr Aufpasser?“

„Niemand, der Lust auf Ärger hat.“ Mino deutete auf den freien Weg hinter ihm. „Wir wollen weiter. Du willst wieder zu deinen Freunden. Also tritt einfach zur Seite und die Sache ist erledigt.“

Für einen Moment sah der Mann tatsächlich so aus, als würde er es dabei belassen.

Dann lachte einer seiner Freunde hinter ihm.

Leise nur.

Aber es genügte.

Der Betrunkene drehte sich wieder zu Mino.

„Große Worte für so ein dünnes Elfchen.“

Mino erkannte die Bewegung einen Augenblick zu spät.

Der Mann schlug nach ihm.

Celestina war schneller.

Silbernes Mana lief über ihren Körper.

Innerhalb eines Atemzuges schlossen sich helle Platten über ihrer Reisekleidung, ineinandergreifend und von feinen Gravuren durchzogen. Das Diadem erschien auf ihrer Stirn, Schild und Speer nahmen in ihren Händen Gestalt an.

Der Schlag traf ihren Schild.

Metall donnerte über den Platz.

Celestina bewegte sich keinen Schritt.

Der Mann taumelte zurück und starrte sie an.

Nun verstummten auch seine Freunde.

Ringsum drehten sich erste Köpfe.

Mino kannte Celestina so.

Die Menschen auf dem Platz offensichtlich nicht.

Sie stand ruhig zwischen ihm und dem Betrunkenen, den Speer leicht gesenkt, ohne ihn zu bedrohen. Trotzdem war nichts mehr von der zurückhaltenden Frau übrig, die wenige Minuten zuvor unsicher vor dem Eingang der Gilde gestanden hatte.

„Es reicht“, sagte sie.

Ihre Stimme war nicht laut.

Sie musste es auch nicht sein.

Der Mann sah sie an und schien zum ersten Mal zu begreifen, dass der Abend vielleicht anders enden würde, als er geplant hatte.

Einer seiner Freunde stand auf.

„Scheiß drauf.“

Mino spürte das Mana, noch bevor er zu ihm sah.

Der Mann hatte den Arm ausgestreckt. Zwischen seinen Fingern flackerte Feuer auf, sammelte sich und schoss im nächsten Moment als kleiner Feuerstoß auf Celestina zu.

Sie drehte den Schild.

Doch der Zauber erreichte sie nicht.

Ein scharfer Windstoß fuhr quer über den Platz.

Die Flamme wurde mitten in der Luft auseinandergerissen und erlosch, als hätte jemand eine Kerze ausgeblasen.

Mino spürte, wie sich das Mana an seiner Schulter veränderte.

Im selben Augenblick wurde Sylphy sichtbar.

Sie saß dort, wo sie die ganze Zeit gesessen hatte, die Beine über Minos Schulter baumelnd, ihre durchscheinenden Flügel leicht geöffnet. Grün-goldenes Haar bewegte sich um ihr Gesicht, während sie den Magier mit unverhohlener Verachtung ansah.

„Wie unhöflich.“

Dann hob sie eine Hand.

Der nächste Windstoß traf den Mann frontal.

Er wurde von den Füßen gerissen, mehrere Schritte über den Platz geschleudert und prallte gegen eine steinerne Säule, bevor er zu Boden sackte.

Mino starrte dem Mann nach, der gegen die Säule geschleudert worden war, doch der Wind um Sylphy legte sich nicht ganz.

„Sylphy.“

„Er hat Feuer auf Cele geworfen.“

Ihre Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie die Sache damit für erledigt hielt.

Celestina senkte langsam ihren Schild.

„Radikal, aber danke.“

Sylphy schenkte ihr ein zufriedenes Lächeln und verschränkte die Arme, als wäre nichts Besonderes geschehen.

Dann veränderte sich der Platz.

Nicht schlagartig.

Es begann mit einem einzelnen Geräusch: dem dumpfen Aufschlag eines Bechers, der jemandem aus der Hand gefallen war.

Mino wandte den Kopf.

Die Menschen in ihrer Nähe standen still.

Ein Mann am Rand des Platzes hatte den Blick auf Sylphy geheftet und wirkte, als hätte er vergessen, wie man sich bewegte. Eine Frau neben ihm senkte langsam den Kopf. Weiter hinten legte jemand eine Hand an die Brust.

Dann fiel ihr Name.

Leise.

„Sylphy.“

Mehr brauchte es nicht.

Das Wort lief durch die Menge wie eine Welle.

Menschen drehten sich um, die eben noch nichts von dem Streit mitbekommen hatten. Gespräche brachen ab. Einige traten näher, andere blieben stehen, wo sie waren, und blickten mit einer Ehrfurcht zu Sylphy, die Mino nicht verstand.

Er sah zu ihr.

Sie saß auf seiner Schulter, die Beine über seinem Umhang baumelnd, als wäre das der selbstverständlichste Platz der Welt. Von der Aufmerksamkeit um sie herum schien sie sich eher gestört als beeindruckt zu fühlen.

„Warum starren die so?“, murmelte Mino.

Sylphy zuckte mit den Schultern.

„Weil ich wunderschön bin?“

„Sylphy.“

Sie verzog den Mund.

„Ich mag diese Stadt nicht besonders.“

Das half ihm überhaupt nicht.

Inzwischen waren die ersten Blicke von ihr zu ihm gewandert.

Mino bemerkte es sofort.

Die Ehrfurcht blieb, doch etwas anderes mischte sich darunter.

Verwirrung.

Misstrauen.

Einige tuschelten miteinander. Andere sahen von Sylphy zu Mino und wieder zurück, als würde allein ihre Nähe zu ihm nicht in das Bild passen, das sie von ihr hatten.

Celestina trat näher.

„Mino.“

Er hörte es an ihrer Stimme.

Ihr gefiel die Situation genauso wenig wie ihm.

Die Menge wurde dichter.

Niemand griff nach einer Waffe. Noch nicht.

Trotzdem fühlte sich der Platz plötzlich enger an.

Mino verstand nur Bruchstücke dessen, was um sie herum gesagt wurde.

Warum sie bei ihm war.

Seit wann.

Was er mit ihr zu tun hatte.

Jemand sprach lauter als die anderen, doch Mino hörte kaum noch hin.

Zu viele Menschen.

Zu viele Blicke.

Zu viele Fragen, auf die er selbst keine Antwort hatte.

Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.

Ein vertrauter Instinkt setzte ein. Einer, auf den er sich schon als Kind verlassen hatte.

Nicht stehen bleiben.

Nicht erklären.

Weg.

Mino sah kurz nach oben.

Dann zu Celestina.

Er griff nach ihr.

Ein Arm legte sich hinter ihren Rücken, der andere unter ihre Beine, und ehe sie verstand, was er vorhatte, hob er sie hoch.

Celestinas Augen wurden groß.

„Mino, was machst du—“

„Festhalten.“

„Ich kann selbst—“

„Sylphy.“

Die Fee grinste.

Celestina schaffte es gerade noch, einen Arm um Minos Nacken zu legen.

Dann verschwand der Boden unter ihnen.

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