Kapitel 4: Wasser gegen Land

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Die dänische Lautsprecherstimme wird größer, patriotischer, ein wenig feierlicher, weil nun der Auftritt der Repräsentantinnen des dänischen Königshauses und der UNESCO bevorsteht. Über dem Eis ziehen die Lichtkegel scharf zusammen. Flaggen, Sponsorenlogos, der künstliche Atem einer internationalen Wohltätigkeitsveranstaltung, die sich für Geschichte hält, solange genug Geld im Raum ist.
Die beiden Mannschaften setzen sich in Bewegung.
Auf der CVP-Seite kommt mehr Geräusch. Mehr Selbstverständlichkeit. Ein paar zu lockere Schultern, kurze Witze, das gut eingeübte Bild von Männern, die sich daran gewöhnt haben, in jedem Land wie das Heimteam auszusehen.
Auf der SBP-Seite kommt mehr Ordnung. Weniger Lachen. Härtere Linien. Kein Überschwang, nur Präsenz. Am Rand des Eises werden die Captains namentlich aufgerufen.


SPRECHER (O.S.)
Für das Team der Commonwealth-Partner — Shane!


Applaus. Kameralicht. Ein Schwenk auf Shane, der mit jener knappen Professionalität aufs Eis tritt, die Fans für Bescheidenheit halten und Gegner für Arroganz. Er schwenkt die ihm von einem als Alge gekleideten Kind gereichte CVP-Fahne, bevor er mit einem gepressten Lächeln die Fahne zurück gibt.
Er hebt die Hand danach nur so weit, wie nötig. Dann:


SPRECHER (O.S.)
Für das sozialistische Team SBP — Ilya!


Der Applaus verändert sich. Nicht lauter. Nur dichter. Ilya gleitet aufs Eis, als gäbe es zwischen Einlaufen und Drohen ohnehin keinen echten Unterschied. Shane und Ilya kommen sich in der Mitte des Feldes nicht näher als es das Ritual verlangt.
Und doch bleibt für einen halben Atemzug der Eindruck, als richte sich der Raum nicht nach den Fahnen aus, sondern nach der stillen Linie zwischen ihnen.
Ein als Seeanemone verkleidetes Kind reicht ihm die bunte SBP-Fahne. Ein spöttischer Blick zu Shane. Ilya übernimmt die Fahne, schwingt sie heftig. Dann: er wirft sie in die Höhe, lässt sie einmal rotieren und fängt sie mit der Hand auf, die nicht den Schläger hält. Frenetischer Applaus von den SBP-Bänken. Auch Magnus legt kurz sein Handy beiseite und lässt sich von der Begeisterung mitreißen.
Shane flüstert in den Jubel hinein


SHANE
War das nötig?


Ilya flüstert mit dem selben Spott zurück


ILYA
Ja.


Im unteren Umlauf geht Anya weiter, den Blick abwechselnd auf Linds möglichen Weg, die us-amerikanische Bank und die obere Glasfront gerichtet. Der Fahnenwurf läßt sie kurz den Kopf schütteln: Wer über Stärke verfügt, muss damit nicht angeben. Nur Kinder und Idioten verraten dem Feind zu schnell, was sie wirklich vermögen.
Anya versucht in dem engen Kleid nicht zu auffällig Lind zu folgen. Nicht hektisch. Nur schnell genug, dass die Eleganz nicht stehenbleiben muss. Sie sieht, wie zwei Sicherheitsleute auf subtile Weise ihre Positionen verändern. Keiner läuft. Keiner funkt sichtbar. Aber beide stehen einen Moment später dort, wo Männer stehen, wenn jemand im Gebäude nicht mehr nur Gast ist. Signe muss einen Befehl gehaucht haben. Anya beobachtet, wie Stromberg mit einigen anderen älteren Damen zusammentrifft, die auffälligen Perlen- oder Korallenschmuck tragen, der zu dem an seiner Brust baumelnden Haifischzahn passt. Er deutet ihnen elegant aber bestimmt, ihm in eine speziell ausgepolsterte VIP-Loge vorauszugehen.
Anyas innerer Schluss ist einfach: Lind ist in Bewegung. Ravn hat ihn nicht verloren. Stromberg will nicht in Aktion gesehen werden. Shane hat noch immer den Puck. Vor dem ersten Bully kommt sie nicht mehr an ihn heran.
Oben, hinter Glas, sieht Signe auf das Eis hinunter. Neben ihr zwei Sponsoren, die glauben, sie würden gerade über Wasserstoff, Kulturverantwortung und maritime Zukunft sprechen. In Wahrheit dient ihre Nähe nur dazu, dass niemand bemerkt, wie präzise Signe weiter unten den Raum taktet. 
Stromberg steht neben den älteren Damen, während die dänische Hymne gespielt wird. Danach setzt er sich.
Er verfolgt nicht die Captains, sondern die Wege zwischen den Figuren: Signe. Linds Route. Die zwei Männer, die ihm folgen und das sekundenkurze Aufflackern der roten Türumrahmung der Gangtüre zum Hoteltrakt, die nun verriegelt ist. Die Sicherheitsverschiebung ist nun eine unentrinnbare Falle für den ängstlichen Wissenschaftler geworden, während die Wachen wie ruhige Moränen sich ihm geschmeidig nähern. Dann erst schaut Stromberg auf das Eis und deutet mit der linken Hand eine huldvolle Geste an, als die zwei Captains zu der VIP-Loge gefahren kommen, um ihm die Reverenz zu erweisen. Waren die beiden zu schnell auf dem Eis, fast stießen sie an der Bande zusammen, ihre Oberarme unter den dicken Rüstungen berührten sich sogar kurz. Fischen würde das nie passieren, denkt Stromberg.
Unten am Monitorgang bleibt Claudia stehen, als die Lichtkegel über das Eis fahren. Ein weiterer kleiner Versatz. Diesmal nicht nur im Bild. Das Licht auf dem echten Eis flackert für den Bruchteil eines ungesunden Moments zu früh an der falschen Stelle, als hätte ein Schatten die Zeit nicht schnell genug verlassen. Claudia hebt kaum merklich den Kopf. Der Bildschirm über ihr zeigt die Captains in Nahaufnahme.
Shane.
Ilya.
Dann eine Totale.
Und für den Hauch eines Herzschlags sieht sie im Hintergrund des Korridorbilds etwas, das nicht sauber da ist: Lind im Eis. Nicht als voller Körper. Nur als blasse Bewegung im Glas. Als hätte ihn das System nicht aufgezeichnet, sondern nachträglich erinnert. Dann ist er weg. Claudia schaut sofort zum echten Gang. Leer. Nur ein Reinigungskarren am Ende der Scheibe. Ein Sicherheitsmann. Sonst nichts.
Die Menge applaudiert den Captains, die von der VIP-Loge zurück zur Spielfeldmitte gleiten.
Unter diesem Applaus geht Magnus in seinem Sektor kurz in die falsche Richtung mit dem Blick — nicht zum Eis, sondern zur verglasten Passage darunter, als hätte auch er einen Ruck in der Wirklichkeit gespürt, ohne Sprache dafür zu besitzen. Er sagt zu niemandem:


MAGNUS
Das war nicht richtig.


Die ältere Sponsorin neben ihm hört es diesmal nicht. Oder will es nicht. Auf dem Eis kommen Shane und Ilya zur formalen Begrüßung zusammen. Ein Handschlag, wie ihn Kameras mögen: männlich genug, kühl genug, international genug. Ihre Hände treffen sich. Keiner drückt zu lang. Keiner lässt zu schnell los. Eine dänische Prinzessin und die UNESCO-Botschafterin Francine de la Motte sprechen vom Rand des Eises aus.


PRINZESSIN INDULAN VON DÄNEMARK
Ihr lieben Freunde der dänischen Gastfreundschaft, ihr willkommenen Genießerinnen der dänischen Kultur. Im Namen meiner Mutter begrüße ich Sie alle hier in dieser neuen Halle am Wasser, die heute Abend Sport, Kunst und Gastfreundschaft miteinander verbinden soll, und bedanke mich für die großzügige Öffnung des Raumes durch Karl Stromberg, der ein gerne gesehener Gast in Kopenhagen und ganz Dänemark ist. Bitte genießen Sie den Abend voller Spannung, Schönheit und einem königlichen Tauwetter der Völkerfreundschaft!


Höflicher Applaus und danach eine Fanfare. Der Assistent hält das Mikrophon nun vor die UNESCO-BOTSCHAFTERIN.


UNESCO-BOTSCHAFTERIN
Damen und Herren, Kinder und…Meeresbewohnerinnen!


Sie lächelt professionell.


UNESCO-BOTSCHAFTERIN
Erziehung, Wissenschaft und Kultur finden in Eiskunstlauf und Eishockeyspiel zwei liebende Kinder, die durch jahrelanges, hartes Training gut erzogen, wissenschaftlich aufgebaut und kulturverbindend eingesetzt worden sind. Die Vereinten Nationen und ganz besonders unser geliebtestes Nebenorgan, die Internationale Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, die ich heute Abend hier vertreten darf, möchten daher die Gelegenheit des heutigen Abends nützen, um allen Regierungen der ganzen Welt zu danken, die sich für ein kulturell ausgewogenes, friedliches Zusammenleben engagieren und - unterstützt durch ausgewählte Privatiers wie den großzügigen Ozeanliebhaber Karl Stromberg - sowie Sport und Kunst als erzieherische Maßnahme zu liebevoller Konfliktlösung fördern. Ganz herzlicher Dank an meine liebe Freundin, Prinzessin Indulan von Dänemark, die mich vorher sogar noch zum Essen in den Palast eingeladen hatte, um die volle Unterstützung des dänischen Königshauses für die Anliegen der Erziehung, Wissenschaft und Kunst zum Ausdruck zu bringen.


SHANE
Internationaler Abend.


ILYA
Du meinst: teuer.


SHANE
Dänemark muss ja irgendetwas mit dem Wind machen.


ILYA
Und mit den Milliardären.


Ein winziger Zug an Shanes Mund. Fast ein Lächeln.
Dann trennen sie sich wieder. Von der Seitenlinie aus sieht Anya dieses kurze Zusammentreffen nur am Rand. Was sie mehr interessiert, ist die Sekunde davor:
Ilyas Blick ging zuerst nicht zur Scheibe. Nicht zum Schiedsrichter. Nicht zum Publikum. Er ging zu ihr. Wieder Gewohnheit. Was er wissen kann, ist, dass ich für Rosatom arbeite. Ob ihn das tröstet oder einschüchtert? Anya archiviert den Befund.
Am Rand der us-amerikanischen Box taucht der Teammanager wieder neben Shane auf, mit Headset, Listen und dem Wunsch, dass Sportler in Europa bitte genau so pflegeleicht bleiben wie in Sponsorenbroschüren.


TEAMMANAGER
Nach dem ersten Wechsel denk an die Kamera links oben. Und falls dieser seltsame Fördermann wieder auftaucht, gib ihn bitte einfach an die Sicherheitsfachkräfte mit den roten Pullovern weiter. 


Shane sieht ihn kurz an.


SHANE
Ich dachte, Europa liebt exzentrische Fördermänner.


TEAMMANAGER
Nur solange sie Rechnungen zahlen.


Der Schiedsrichter ruft die Teams auf Position. Im unteren Umlauf hat Anya jetzt den Punkt erreicht, an dem Lind laut ihrer letzten Sichtung aus dem Glasgang hätte auftauchen müssen. Tut er nicht. Sie bleibt nicht stehen. Nur der Blick geht einmal quer durch den Raum. Keine Spur von ihm. Dafür ein fast unsichtbarer Sicherheitsmann mehr am Zugang zum Hotel. Anya weiß genug: Lind ist nicht frei unterwegs. Aber die zwei anderen Sicherheitsleute blicken zu verwirrt, schauen verzweifelt und tasten an der Schiebetür herum, die sich nicht öffnet. Ist Lind in das Hotel gegangen und hat die Tür hinter sich verriegelt? Aber wie hätte er den ganzen Glasgang so schnell durchlaufen können?
Entweder wurde er abgefangen — oder er läuft noch immer, nur nicht mehr in einer Zeit, die für alle gleich ist. Oben am Monitor blickt Claudia auf den stabilisierten Zeitcode und hasst ihn gerade deshalb. Maschinen, die sich sofort wieder normal verhalten, sind oft die schlimmsten. Auf dem Eis senkt der Linienrichter die Hand. Die Arena sammelt sich in genau jener künstlichen Stille, die Sport für den Bruchteil einer Sekunde immer erzeugt, bevor Bewegung Wahrheit ersetzt.
Der Puck fällt.
Im selben Moment, in dem Kufen losschneiden und die ersten Körper ins Spiel gehen, sieht Claudia auf dem Randmonitor für einen Schlag zu viel Lind unter dem Eis mit aufgerissenen Augen liegen.
Stromberg wirft ein paar Fischflocken in das vor ihm stehende Aquarium, nascht selbst ein paar und flüstert dann.


STROMBERG
Staaten erfinden Bündnisse. Meere und Kontinente waren zuerst da und werden noch lange da sein, wenn der Sozialistische Beistandspakt und der Commonwealthverteidigungspakt durch die Meereswogen zu Sand zerrieben sein werden.


Stille. Direkt in die Kamera blickend. Dann springt das Bild. Und Lind ist verschwunden. Claudia bewegt sich jetzt doch. Nicht rennend. Nicht auffällig. Aber mit der endgültigen Entschlossenheit einer Frau, die gerade beschlossen hat, dass technische Zweifel abgelaufen sind. Sie muss den Glasgang selbst durchschreiten. 
Anya sieht dieselbe Bewegung aus dem Augenwinkel und erkennt sofort: Die Hessin hat etwas gesehen. Gut. Dann ist sie nicht die Einzige. Auf dem Eis rauscht das Spiel an. Unter Applaus, Licht und Musik hat der Abend aufgehört, harmlos zu sein.

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