Die Bibliothek roch nach Leder, Staub, Meerluft und einem Holzfeuer, das lange vor ihrer Ankunft erloschen sein musste.
Justin wachte zuerst auf, oder er glaubte es wenigstens. Erwachen war nicht das richtige Wort. Es war eher, als werde er von einem dunklen Bild an die Oberfläche gestoßen, ohne zu wissen, ob oben Luft oder nur ein anderes Schwarz wartete. Sein Kopf schmerzte hinter den Augen, tief und dumpf, nicht wie nach Wein, nicht wie nach zu wenig Schlaf, sondern wie nach einem Traum, den jemand von außen in ihn hineingedrückt hatte.
Er war nicht mehr im Stiegenhaus. Er lag auf einem Teppich.
Über ihm ragten Bücherregale an allen vier Wänden bis fast zur Decke. Dunkles Holz, eine Leiter, in Leder gebundene Bände in Gelb, Braun, Rot, Grün, Blau und Schwarz. Zwischen den Regalen standen Marmorbüsten, ein Globus, ein Kartentisch und ein großes Fenster, vor dem die Nacht noch immer nicht weichen wollte. In einer Ecke hing eine Ikone, in einer anderen ein gestochenes Porträt eines Papstes, daneben eine gerahmte Seekarte des östlichen Mittelmeers. Die Bibliothek war nicht ein Zimmer, sondern ein archivierter Anspruch: Rom, Athen, Brüssel, Wien, Alexandria, Moskau, Manila, Sydney, Antiochien und Istanbul alles in Leder gebunden und so geordnet, als könne Wissen einen Menschen vor Gerechtigkeit schützen.
Justin hob den Kopf und bereute es sofort. Der Raum drehte sich langsam, nicht dramatisch, sondern mit jener Naivität, die ein Alkoholrausch erzeugte.
Neben dem Kartentisch lag Justine, halb auf der Seite, eine Hand gegen die Schläfe gedrückt. Ihr Haar war aus der Ordnung gefallen, ihr Kleid zerknittert, aber selbst bewusstlos hatte sie offenbar eine Haltung gefunden, die weniger hilflos aussah, als theatral erschöpft. Vittorio saß in einem Ohrensessel, den Kopf nach hinten gesunken, die Hände auf den Armlehnen, als sei er mitten in einer Audienz eingeschlafen. Mary Carson lag nicht auf dem Boden. Sie war auf einer Chaiselongue ausgestreckt, mit geschlossenen Augen, die Hände über dem Bauch gefaltet wie eine Fürstin, die zur ewigen Ruhe aufgebahrt war.
Auf dem Teppich vor dem Kamin rührte sich der nackte Brian.
„Ich möchte vorab festhalten, dass ich in den letzten Jahren an vielen Orten aufgewacht bin, die nicht ideal waren. Diese Bibliothek ist nicht der schlechteste davon, aber sie gewinnt Punkte für ihre absolut klare Ordnung. Wenn mir jemand erklären kann, warum ich nicht im gelben Zimmer bin und warum mein Kopf klingt, als hätte ein orthodoxer Schmied darin eine Werbekampagne gehämmert, höre ich ausnahmsweise zu.“
Emmett stöhnte hinter einem niedrigen Lesetisch. Er hatte eine Hand auf der Brust und die andere auf einem Stapel Bücher, als habe er im Schlaf versucht, sich durch Literatur zu retten. Auch er war nackt, was Justin schnell erschloss.
„Ich möchte erklären,“, seufzte er unter Kopfschmerzen, „ dass ich diesen Raum nicht bewusst betreten habe und dass ich mich an keine gesellschaftlich angemessene Einladung in eine Bibliothek erinnere. Ich erinnere mich an Gelb, an Baks Schuld, an sehr akrobatische Gespräche und an den dringenden Wunsch, morgen eine andere Persönlichkeit zu besitzen. Falls wir alle entführt wurden, möchte ich wenigstens sagen, dass der Entführer Geschmack bei Möbeln und wenig Taktgefühl bei Nacktheit hatte.“
Brian drehte langsam den Kopf zu ihm. Sein Blick war träge, aber wach genug, um Emmetts Haut zu sehen. Justin sah erst Brian an, dann Emmett, und in seinem Gesicht bewegte sich eine Erkenntnis, die er nicht aussprach. Justine bemerkte es trotz Kopfschmerz. Sie schloss wieder die Augen, als könne sie die Erinnerung an Brians Laut im gelben Gang dadurch zurück in die Wand drücken.
Am anderen Ende des Raumes setzte sich Sun auf.
Sie tat es kontrollierter als alle anderen. Das machte es nicht leichter. Ihre Hand ging zuerst an den Nacken, dann an den Boden, dann an die Umgebung. Sie sah die Ausgänge, die Fenster, die Körper. Wolfgang lag keine zwei Schritte von ihr entfernt auf dem Rücken, ein Arm über den Augen, das Hemd, sein einziges Kleidungsstück geschlossen bis zum obersten Knopf, aber nicht ganz; er war noch nicht richtig wach, doch seine Finger hatten bereits den Teppich geprüft, als suche er nach einer Waffe oder einem verlorenen Messer.
Mary öffnete die Augen.
Sie sagte zunächst nichts. Das Schweigen einer Frau wie Mary Carson konnte mehr Raum einnehmen als der Schrei anderer Menschen. Dann setzte sie sich auf, langsam, mit der Vorsicht einer alten Dame und der Wut einer Herrscherin.
„Ich bin nicht gewillt, die Nacht in einer Bibliothek fortzusetzen, die ich nicht betreten habe. Mein Kopf schmerzt, mein Mund schmeckt nach bitterem Masticha und Zucker, und ich erinnere mich daran, in einem roten Zimmer mit Fräulein Bak gesprochen zu haben. Danach erinnere ich mich...“ Mary zögerte „Das ist seltsam: Ich erinnere mich nicht, wie ich hierher gekommen bin. Herr Honeycutt, Herr Kinney: Ich mag alt und etwas prüde erscheinen, aber ich genieße den Anblick Ihres durchtrainierten Fleisches.“ Mary lächelte anzüglich.
Emmett errötete und zog den Teppich über sich. Brian hingegen setzte sich nur auf und zog die Knie an. Er lehnte sich an das Bücherregal und rieb sich die Schläfen.
Sun stand nun auf. Sie schwankte kaum sichtbar, doch Wolfgang bemerkte es und richtete sich sofort halb auf.
„Sie sind nicht allein mit dieser Lücke, Frau Carson. Ich erinnere mich an das rote Zimmer, an unser Gespräch und daran, dass ich mich auf den Stuhl gesetzt habe, weil ich zum ersten Mal in dieser Nacht nicht kämpfen musste. Danach kommt Dunkelheit, und diese Dunkelheit fühlt sich nicht wie Schlaf an.“
Wolfgang setzte sich und verzog das Gesicht. Er sah sich um, sah Fiona und wurde sofort ernster.
Fiona lag auf einem kastanienfarbenen Kissen, das zur Bibliothek passte. Es war genau auf die Vorhänge abgestimmt worden. Sie hatte die Augen geschlossen, aber als Wolfgang ihren Namen sagen wollte, hob sie eine Hand, ohne die Lider zu öffnen.
„Ich bin wach, Herr Bogdanow, und Sie müssen nicht klingen, als sei ich bereits für eine Beerdigung vorbereitet worden. Mein Kopf ist schwer, meine Zunge trocken, und ich erinnere mich sehr deutlich daran, Ihnen erlaubt zu haben, auf der anderen Seite des Bettes zu schlafen. Ich erinnere mich nicht daran, Ihnen erlaubt zu haben, mich in eine Bibliothek zu begleiten, und deshalb nehme ich an, dass wir beide in dieser Sache unschuldig sind.“
Wolfgang lachte einmal, leise und schmerzhaft, weil sein Kopf es ihm übelnahm.
„Ich habe Sie nicht getragen, Frau Cleary, und ich glaube auch nicht, dass ich im Zustand freiwilliger Bewusstheit genug Mut dazu gehabt hätte. Ich erinnere mich an das blaue Zimmer, an Ihr Hemdgebot, an mehr Familiengeschichte, als in eine Nacht passt, und dann an nichts mehr. Wenn jemand uns bewegt hat, dann war er entweder sehr stark, sehr geduldig oder sehr sicher, dass niemand von uns rechtzeitig aufwacht.“
Meghan stöhnte auf einem Ledersofa. Lito kniete neben ihr, ebenfalls bleich, aber wach genug, um eine Wasserkaraffe auf dem Tisch zu entdecken. Er nahm sie, roch daran, zögerte und stellte sie wieder ab, ohne zu trinken.
„Ich würde gern der höfliche Mann sein, der allen Wasser reicht, aber heute Nacht hat jedes Getränk plötzlich die chemische Strahlung einer Betäubung. Ich erinnere mich an das grüne Zimmer, an Frau Cleary-O’Neil und dann an einen Schlaf, der zu schnell kam. Ich trinke erst, wenn jemand, der nicht ich ist, erklärt, warum Wasser in einer Bibliothek weniger einschläfernd sein soll als Kaffee in einem Speisezimmer.“
Meghan öffnete die Augen. Für einen Moment schien sie nicht zu wissen, wo sie war. Dann sah sie Lito, dann die Bücher, dann Vittorio. Ihre Hand fuhr an die Brust, als suche sie dort ein Kreuz, das sie als Halskette trug.
„Ich war im grünen Zimmer, und ich war nicht fertig mit dem, was ich gesagt hatte. Ich erinnere mich daran, dass ich müde war, aber nicht an den Weg hierher, nicht an eine Tür, nicht an Treppen und nicht an diese Bücherwände. Wenn jemand mich hierhergebracht hat, dann hat er mehr von mir bewegt als meinen Körper, denn ich wache auf und habe das Gefühl, in einem Raum voller Zeugen zu liegen.“
Vittorio hob den Kopf.
Er sah älter aus als noch im Stiegenhaus. Sein Blick ging zu Justin und Justine, dann zu Mary, Sun, Meghan, Lito, Brian, Emmett, Fiona, Wolfgang. Er zählte sie nicht sichtbar, aber alle merkten, dass er zählte.
Dann stand er auf.
„Wir sind alle hier. Das ist im ersten Augenblick ein Trost, auch wenn ich nicht weiß, wer uns hierher gebracht hat. Niemand bewegt sich allein aus diesem Raum, niemand trinkt, niemand isst, und niemand berührt die Türgriffe, bevor wir verstanden haben, ob wir hier eingeschlossen, hierher gebracht oder nur wie reife Früchte gesammelt wurden.“
Brian rieb sich über das Gesicht.
„Gesammelt ist ein sehr katholisches Wort für etwas, das in Pittsburgh Entführung heißen würde. Ich respektiere die Bibliothek, ich ertrage den Kopfschmerz und ich versuche sogar die Tatsache zu verstehen, dass drei nackte Männer auf dem gleichen Bibliotheksboden sitzen. Aber ich möchte jetzt sehr deutlich wissen, ob Sun oder die Tote uns hierhergetragen haben.“
„Ich habe wenigstens ein Hemd an.“, murmelte Wolfgang.
Sun zog ein Taschentuch heraus, ging zur Bibliothekstüre und drückte die Klinke, ohne mit dem Metall in Berührung zu kommen. Die Tür war offen. Das war noch seltsamer.
Justine setzte sich langsam auf. Ihr Kopfschmerz kam in Wellen. Jede Welle trug ein anderes Fragment: Phädra, Hippolytos, Valeria, Ralph, Brian im gelben Zimmer, Marys Liebe, Dane als Bruder, Dane als Halbbruder, Dane als Toter.
„Sun ist hier mitten unter uns. Ich sage nicht, dass sie deshalb unschuldig ist, weil wir heute Nacht schon genug gesehen haben, was aus vorschnellen Sätzen wird. Aber sie ist genauso wie wir in genau dem Moment, in dem jemand uns offenbar wie Figuren in einen anderen Raum gesetzt hat, erwacht und das ist das erste Mal, dass ihre Anwesenheit ihre Unschuld bezeugt, außer, sie hätte sich selbst betäubt, nachdem sie uns über die Treppen hierher geschleppt hat.“
Mary stand auf. Sie tat es ohne Hilfe. Ihre Haltung kehrte schneller zurück als ihre Farbe.
„Fräulein Bak kennt dieses Haus erst seit heute Abend. Sie kann uns nicht die Treppen heruntergeschliffen haben, ohne Schürfwunden hinterlassen zu haben. Wir müssen auf anderem Weg vom ersten Stock ins Erdgeschoss zurückgekommen sein. Sun ist unschuldig.“
Sun sah Mary an. Der Satz war Verteidigung und Drohung zugleich.
„Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Jemand wollte uns alle an einem Ort haben, damit niemand allein ist, oder damit niemand sieht, was anderswo geschieht. In beiden Fällen ist die Bibliothek nicht nur Zufall, sondern eine Entscheidung.“
Justin stand nun ebenfalls auf, schwankte und stützte sich am Kartentisch ab. Auf der Karte lag die Ägäis unter seinen Fingern. Hydra, Kreta, Zypern, Alexandria, die Küsten Kleinasiens. Routen, Inseln, Meerengen. Er dachte an Jilib, an das schwarze Riff, an Salz und Hitze. Dann an die Bombé, an Mokka, an Zucker.
„Der Kopfschmerz fühlt sich nicht wie Müdigkeit an. Ich weiß, das ist kein Beweis, und ich sage es nicht wie jemand, der plötzlich medizinische Kompetenz entdeckt hat. Aber ich habe in meinem Leben genug schlechte Nächte gehabt, um zu wissen, wie Wein, Angst und zu wenig Schlaf sich anfühlen, und das hier ist anders.“
Fiona öffnete nun die Augen vollständig. Sie setzte sich auf, nahm das kastanienfarbene Kissen auf den Schoß und betrachtete es wie einen Schlüssel.
„Dieses Kissen stammt aus der Bibliothek. Wenn ich es nicht selbst unter meinen Kopf gelegt habe, dann hat jemand nicht nur Menschen bewegt, sondern auch Dinge, die ihnen zugeordnet waren. Das ist keine bloße Hast, sondern eine gewisse Sorgfalt, und Sorgfalt in einer solchen Lage spricht nicht für das Werk von Toten.“
Wolfgang kniete sich neben den Teppichrand und sah auf die Spuren.Ein Dieb las Räume nicht wie Polizisten, sondern wie Möglichkeiten: wo jemand gegangen sein konnte, wo Möbel verschoben waren, welche Tür leiser war als die andere.
„Der Teppich ist dick, aber nicht magisch. Wenn zehn Menschen hierhergebracht wurden, müsste man Geräusche hören, Spuren sehen oder einen sehr guten Grund haben, warum niemand aufgewacht ist. Ich sage nicht gern, dass ich beeindruckt bin, aber wer das gemacht hat, hat mehr Planung als ein gewöhnlicher Einbrecher und mehr Ruhe als ein panischer Mörder.“
Emmett setzte sich vorsichtig auf und zog den Teppich enger um die Schultern.
„Ich möchte ungern der Mensch sein, der an das Dessert erinnert, weil ich der Bombé trotz aller Ereignisse noch immer Respekt schulde. Aber wir haben alle davon gegessen, und wir haben alle Kaffee getrunken, und danach wurden wir nach Farben sortiert in Zimmer gebracht, wo wir offenbar ungefähr gleichzeitig die Welt verloren. Eines von beiden muss mit Opioiden versetzt gewesen sein. Der Masticha könnte den Mohngeschmack verdeckt haben.“
Bei „Opioiden“ wurde es still.
Nicht lange, aber merklich.
Vittorio schloss die Augen. Als er sie öffnete, sah er nicht mehr nur müde aus. Er sah aus wie ein Gastgeber, der begreift, dass sein Haus unter seiner Autorität etwas getan hat, das er nicht verhindern konnte.
„Die Köchin hat alles serviert. Wer außer Valeria und Sun hatte Zeit und Gelegenheit, ungesehen am Kaffee oder der Bombé surprisè etwas zu manipulieren?“
Marys Gesicht wurde hart.
„Seien Sie vorsichtig, Eminenz. Jede von uns, die während des Aperitifs auf die Toilette ging, hätte die Tassen mit Phänobarbital bestreichen oder die kandierten Früchte mit Laudanum tränken können.“
Sun erhob sich vollständig. Sie stand nun in der Mitte der Bibliothek, barfuß oder fast barfuß, ruhig, mit Kopfschmerz und dennoch gefährlich gesammelt.
„Ich wurde schon einmal benutzt, damit andere sauber aussehen konnten. Ich werde nicht zulassen, dass diese Nacht eine zweite Version davon wird, nur mit griechischen Wänden und australischen Namen. Wenn es zu viele bequeme Schuldige gibt, werde ich kurz mit Kala Dandekar Kontakt aufnehmen. Sie ist Pharmazeutin und kann uns helfen.“
Vittorio schüttelte den Kopf. „Wenn sie nicht auf Hydra wohnt, werden Sie sie mit dem Funk nicht erreichen können.“
„Wir brauchen keinen Funk.“ antwortete Lito. „Aber die Geschichte ist komplizierter.“
Justine sah Sun an. Nach Emmetts Theorie, nach Marys Verdacht, war Sun nicht einfacher geworden. Sie war nicht die Fremde, die man retten musste, und nicht die Kämpferin, die man fürchten musste, nun war sie das Medium, das mit einer Pharmazeutin ohne Funkgerät die Substanz bestimmen konnte, mit der sie alle betäubt worden waren. Oder die sich einfach mit Litos und Wolfgangs Hilfe etwas ausdachte, um ihr Vergiftungskomplott noch besser zu verschleiern. Sie war eine Frau, die in einem fremden Haus erwacht war wie alle anderen, nur mit mehr Erfahrung darin, unter Verdacht aufzustehen.
„Wir sind nicht mehr im Speisezimmer, und Marys Tischordnung gilt nicht mehr. Wir sind auch nicht mehr in den farbigen Zimmern, wo jeder mit seinem eigenen Schmerz eingeschlossen war. Wenn jemand uns hierhergebracht hat, dann hat er uns zu einer Versammlung gemacht, und vielleicht ist das der erste Fehler dieser Person, weil wir jetzt einander ansehen müssen.“
Brian sah zu Justin. Justin erwiderte den Blick, aber nicht lange. Zwischen ihnen lag etwas Gelbes, etwas Ungesagtes, etwas, das Brian weder erklären noch wegwischen konnte. Emmett sah auf seine Hände. Justine sah es und sagte nichts. Nicht jede Wahrheit musste sofort ausgestellt werden.
Lito half Meghan, sich aufzusetzen. Meghan nahm seine Hand nicht dankbar, aber sie nahm sie. Das war für diese Nacht bereits eine kleine Evolution.
„Ich möchte wissen, ob Dane noch in diesem Haus ist“, sagte Meghan, und ihre Stimme war so leise, dass sie trotzdem alle hörten. „Nicht sein Körper, nicht seine Asche, nicht etwas, das man tragen kann, sondern das, was wir mit seinem Namen machen. Ich bin aufgewacht und hatte für einen Moment vergessen, dass er tot ist, und dann kam alles zurück, schlimmer als vorher, weil ich nun weiß, dass auch seine Erinnerung nicht sicher war.“
Fiona sah zu ihrer Tochter. Sie sagte nichts. Vielleicht war das ihr Fehler und ihre Liebe zugleich. War Meghan nun völlig übergeschnappt?
Vittorio ging zur Tür der Bibliothek. Er berührte den Griff nicht mit bloßer Hand, sondern nahm wie Sun zuvor ein Taschentuch aus der Tasche. Die Geste war klein, aber sie veränderte die Luft. Nun war die Tragödie wieder nahe daran, in Mechanik zu kippen. Er merkte es selbst und hielt inne.
„Ich werde diese Tür öffnen, aber ich werde nicht allein hinausgehen. Wir müssen wissen, ob der Gang leer ist, ob Valeria oder Dane irgendwo liegen, ob die Leichen noch im Hof sind und ob das Haus von außen von Leichen umstrichen blieb. Ich bitte zwei von Ihnen, mit mir zu kommen, und die übrigen bleiben hier zusammen, auch wenn jeder Instinkt Ihnen rät, den eigenen Schmerz in einem eigenen Zimmer fortzusetzen.“
Wolfgang stand sofort auf. Sun ebenfalls. Brian hob die Hand, ließ sie aber wieder sinken, als Justin ihn ansah. Mary blieb sehr gerade. Justine trat einen Schritt vor, doch Vittorio schüttelte kaum sichtbar den Kopf.
„Fräulein Bak und Herr Bogdanow kommen mit mir. Nicht weil ich sie verdächtige und nicht weil ich sie für stärker halte als alle anderen, obwohl beides von manchen hier behauptet werden könnte. Sie kommen mit, weil sie Räume lesen können, einer mit dem Körper und einer mit den Augen eines Mannes, der Schlössern nie vollständig vertraut hat.“
Sun nickte langsam.
„Ich komme mit, aber ich werde nicht vorausgehen wie eine Waffe, die andere benutzen. Ich gehe neben Ihnen, Eminenz, und Herr Bogdanow geht so, dass ich ihn sehe. Nach dieser Nacht möchte ich niemanden mehr hinter meinem Rücken wissen, der behauptet, mich nur schützen zu wollen.“
Wolfgang nickte ebenfalls, ungewöhnlich ernst.
„Ich gehe neben ihr oder vor ihr, wenn sie es sagt. Ich fasse nichts an, was nicht angefasst werden muss, und ich werde nicht so tun, als wäre dieses Haus normal. Wenn jemand uns bewegt hat, kennt diese Person Wege, die ich gern kennen würde, bevor sie noch einmal benutzt werden.“
Mary sah ihnen nach, als Vittorio endlich den Türgriff drückte.
Die Tür war noch immer nicht verschlossen.
Das war schlimmer, als wenn sie verschlossen gewesen wäre.
Sie öffnete sich in den dunklen Gang. Draußen brannte nur jede zweite Lampe. Vom Speisezimmer her kam ein süßlicher Geruch: geschmolzene Bombé und kalter Kaffee.
Vittorio trat hinaus, Sun neben und Wolfgang im Hemd vor ihm.
In der Bibliothek blieben die anderen zurück: Mary aufrecht, Fiona mit dem kastanienfarbenen Kissen, Meghan an Litos Seite, Brian und Emmett in verschiedenen Formen von Nacktheit, Justin am Kartentisch, Justine unter den Bücherregalen. Über ihnen standen die Bände, stumm und geordnet.
Justine sah zu Justin.
„Wir sind eingeschlafen wie Figuren in getrennten Kapiteln, und wir sind in derselben Bibliothek aufgewacht.“
Justin sah auf die Karte unter seiner Hand. Das Meer war dort hell gezeichnet, harmlos, beinahe schön.
Im Gang, hinter der offenen Tür, hörte man plötzlich Vittorios Stimme so verändert, dass alle in der Bibliothek gleichzeitig den Kopf hoben.


