Im Gang

61 0 0

Das Stiegenhaus lag in der Mitte des Ganges, von dem auf jeder Seite zehn bunte Türen in gleichfarbige Zimmer führten wie ein vergrößertes Kinderspielzeug.
Es war breiter als der Gang und höher, weil es noch in das zweite Obergeschoß hinaufführte. Eine geschwungene Treppe führte hinab zur Eingangshalle und weiter, über einen schmaleren Absatz, zu den hinteren Räumen des Hauses. Über der Treppe spannte sich ein Fresko, dessen Farben im Nachtlicht gedämpft wirkten, aber nicht erloschen waren: Phädra, bleich und hochgewachsen, eine Hand am Herzen, in der anderen den geleerten Giftbecher; Hippolytos, jugendlich, abgewandt, beinahe beleidigend rein im Streitwagen davoneilend, zurückblickend und noch nicht sehend, dass die Pferde vor dem Meeresungeheuer scheuen; im Hintergrund ein Himmel, der aussah, als habe jemand Arsen in Kobaltblau gemischt.
Justin blieb unter dem Fresko stehen und sah hinauf. Nach der Bombé surprisè hatte er geglaubt, das Haus könne kein genaueres Bild mehr finden als Eis unter Feuer. Nun sah er Phädra über sich, und das Bild schien grausamer, weil es nicht schmolz.


Justine stand an der Balustrade. Sie hatte eine Hand auf das dunkle Holz gelegt, als müsse sie prüfen, ob die Treppe wirklich trug. Vittorio war einige Stufen unter ihnen stehen geblieben. Von dort aus konnte er den Gang mit den Türen sehen: Rot, Grün, Gelb, Blau. Hinter jeder Tür lag ein Paar, das er selbst gebildet hatte. Hinter jeder Tür lag nun etwas, das nicht mehr zurück in den Speisesaal passen würde.
Eine Weile sprach niemand.
Das Haus war nicht still; alte Häuser waren nie still. Aber es klang nicht mehr nach Gastlichkeit. Es klang nach Warten.
Justin sah noch immer zu Phädra hinauf. Dann senkte er den Blick.


„Ich muss euch sagen, was ich gehört habe, und ich sage es nicht, weil ich stolz darauf bin. Ich habe vor Marys Tür gestanden, obwohl ich hätte weitergehen müssen, und zuerst glaubte ich, ich bliebe nur stehen, weil ihre Stimme anders klang als am Tisch. Dann fiel Valerias Name, und ich hörte genug, um zu begreifen, dass diese Tote Mary nicht fremd war, sondern eine Frau, die mit Drogheda in der Hand vor ihr gestanden hatte.“
Justine wandte sich ihm zu, aber sie unterbrach ihn nicht. Das war ungewöhnlicher als jede Frage. Vittorio hob den Kopf, als habe er die Worte erwartet und zugleich gehofft, sie nicht hören zu müssen.
Justin sprach weiter, langsamer nun, weil er wusste, dass jeder Satz eine Tür öffnete, hinter der jemand lebte.
„Valeria behauptete, die uneheliche Tochter von Carl Carson zu sein, und sie wollte daraus einen Anspruch auf Drogheda machen. Mary sagte Bak, dass Carl unfruchtbar war, dass der Arzt es wusste, Carl es wusste und sie es wusste, und dass Valeria unter keinen natürlichen Umständen eine Tochter dieses Mannes sein konnte. Aber die Lüge war trotzdem nicht harmlos, weil Mary Kinder wollte, nicht nur Erben, und weil Valeria genau dort gestochen hat, wo Mary jahrzehntelang so getan hat, als sei dort nur Besitz.“


Justine schloss die Finger fester um die Balustrade. Nun kam der eisige Hauch ihrer Großtante zu ihr, nicht durch Holz, sondern aus Justins Mund, und das machte ihn nicht weniger gestohlen.
Vittorio sah zum Fresko. Phädra blickte nicht zurück.


„Dann war Frau Sebastienne nicht nur eine politische Schwärmerin oder eine hergelaufene Erpresserin, sondern eine Frau, die sich aus einer unmöglichen Geburt eine Waffe baute. Sie wollte nicht bloß Geld, wenn sie Mary mit einer Tochter bedrohte, die Carl niemals haben konnte; sie wollte die ganze Sprache der Familie beschmutzen, Stammbaum, Erbe, Ehe, Kinderlosigkeit, Glauben. Ich habe vieles geahnt, aber ich habe nicht geahnt, dass Marys härteste Prüfung ausgerechnet eine ärztliche Demütigung war.“
Justine drehte sich nun ganz zu ihm. Das Licht der kleinen Wandlampe fiel auf ihr Gesicht, aber es machte sie nicht weicher. Es zeigte nur deutlicher, dass sie erschrocken war.
„Ich habe nur gehört, dass Mary mich für Drogheda will, und ich habe gehört, dass sie mich liebt, wenn man dieses Wort für Mary überhaupt benutzen darf. Ich habe nicht gehört, dass Valeria sie erpresst hat, und ich habe nichts von Carl gewusst. Jetzt verstehe ich, warum ihre Liebe wie ein Testament klingt; sie hat nie ein Kind bekommen, also macht sie aus der Erbin ein Kind, und aus dem Kind wieder ein Stück Land.“
Justin wollte etwas sagen, aber Justine hob die Hand. Sie brauchte keine Unterbrechung und keinen Trost, der ihren Monolog unterbrach. Sie hatte noch nicht alles gehört, und trotzdem war schon zu viel da.
Vittorio stieg die zwei Stufen hinauf, bis er mit ihnen auf einer Höhe stand. Unter Phädras gemaltem Blick wirkte sein Talar dunkler, fast schwarzblau. Er legte die Hand nicht auf Justines Schulter. Vielleicht wusste er, dass diese Geste heute ein zu schwacher Trost gewesen wäre.
„Ich muss ebenfalls sprechen, und ich tue es mit Scham, weil ich nicht anders an dieses Wissen gekommen bin als Justin. Ich stand im Gang vor dem grünen Zimmer, nicht aus Neugier, sondern weil ich auf dem Weg war und Meghans Stimme hörte, doch das macht meine Schuld kleiner nur in der Form und nicht im Kern. Ich blieb stehen, weil Ralphs Name fiel, und ich hörte, was ich vielleicht seit Jahren in mir getragen habe, ohne den Mut zu haben, es wirklich über meinen Freund zu wissen.“
Justine wurde sehr still.
Der Name Ralph de Bricassart war nicht wie Valeria. Er war älter, größer, heiliger und unheiliger zugleich. In ihrer Kindheit hatte er in Räumen gestanden, auch wenn er nicht da war. Seine seltenen Besuche waren von geradezu pompösen Empfängen gekennzeichnet. Er war der Mann, der durch Rom, Kirche und Schweigen immer mehr gewesen war als ein Familienfreund.
Vittorio sprach nicht schnell. Jedes Wort schien gegen einen inneren Widerstand zu gehen.
„Valeria hatte unscharfe Fotos von deiner Mutter und Ralph, und Meghan sagte Lito, dass Valeria diese Bilder benutzen wollte, um sie zu zerstören. Sie wollte behaupten, dass Dane nicht Lukes Sohn war, sondern Ralphs. Ich wiederhole es nicht als Anklage, Justine, und ich wiederhole es nicht als Priester, der dir Trost zusagen könnte; ich sage es, weil diese Nacht uns keine saubere Unwissenheit mehr lässt.“
Justine ließ die Balustrade los. Was sie seit frühesten Kindestagen gefürchtet hatte, das enthüllte sich jetzt vor ihrem inneren Auge. Sie schlug die Hand vor den Mund. Justin eilte herbei, um sie aufzufangen, als ihre Knie kurz nachgaben. Sie trat nicht zurück. Sie trat auch nicht vor. Ihr Körper tat für einen Augenblick gar nichts mehr, als hätte er beschlossen, dass Bewegung eine Zustimmung wäre.
Justin sah sie an. „Soll ich dich küssen?“
Vittorio schüttelte den Kopf: „Der Kuss wäre nicht die Liebe einer Mutter und eines Vaters. Das hat Dane und dich immer verbunden: eure Väter waren nicht da.“ Er fuhr fort, und seine Stimme hatte nun etwas von einem Mann, der vor einem Altar steht, um der Göttin Aphrodite eine Taube zu opfern.
„Meghan sagte, Sebastienne habe nicht genug gehabt, um die Geschichte als Wahrheit zu beweisen, aber genug, um Schmutz zu verbreiten. Sie sagte, Dane sei für sie Gottes verbotenes Geschenk gewesen, und dass Valeria drohte, dieses Bild am Tag seiner Amtseinführung in Gilley öffentlich zu machen. Ich hörte das, und ich war nicht überrascht genug; das ist vielleicht der schwerste Teil meiner Schuld, denn ich kannte Ralph, ich kannte sein Schweigen, und ich habe seine Heiligkeit oft für stärker gehalten als die menschlichen Spuren, die er hinterließ.“


Das Fresko über ihnen war plötzlich kein Schmuck mehr. Phädra liebte verboten. Hippolytos war der Sohn, der nicht sein durfte, was andere in ihn legten. Das Meer im Hintergrund sah aus wie die Bucht unter dem Haus, und die Pferde wirkten, als könnten sie jeden Augenblick von dem Meeresungeheuer verschlungen werden.
Justine sah hinauf. Als sie sprach, tat sie es nicht hastig. Sie sprach, als müsste sie jedes Wort zuerst aus einer Rolle holen, die sie nicht mehr spielen wollte.
„Dann war Dane mein Halbbruder, und niemand hielt mich für würdig, das zu wissen, obwohl ich neben seinem Tod leben muss. Meine Mutter liebte nicht nur den Sohn mehr als die Tochter, sondern in ihm den Mann, den sie nie haben durfte, und ich stand all die Jahre daneben wie ein misslungenes zweites Kind. Ich weiß noch nicht, ob ich darüber wütend bin oder ob es schlimmer ist, dass ich sie endlich verstehe.“
Justin senkte den Blick auf Justines Schoß.
Justine ging ein paar Schritte unter dem Fresko entlang. Das Stiegenhaus machte ihre Bewegung größer, beinahe bühnenhaft, aber sie spielte nicht. Das war das Unheimliche daran. Ohne Bühne war sie schutzloser als jede Schauspielerin.
„Phädra über uns ist eine ziemlich geschmacklose Wahl für diesen Flur, Eminenz, falls Ihre Familie gern behauptet, solche Dinge geschähen nur in Mythen. Dort oben hängt eine Frau, die an einer verbotenen Liebe zugrunde geht und aus deren Liebe jener Hass erwächst, mit dem sie den jungen Mann tötet, den sie liebt, weil sie ihn nicht erhalten kann. Und Hippolytos ist ein junger Mann, der durch die Schuld der Erwachsenen vernichtet wird, und ein Haus, das erst zu spät versteht, was in ihm längst begonnen hat. Ich weiß nicht, ob Sie dieses Fresko immer mochten, aber heute Nacht ist es ein düsterer Schatten auf uns, auch wenn es sicher kein Meeresungeheuer war, dass Valeria von der Klippe gestoßen hat.“
Vittorio hob den Blick zum Bild. Ein italienischer Vorfahr hatte dieses Fresko vermutlich für elegant gehalten, für gelehrt, für antikisierende Noblesse über einer griechischen Treppe auf einer Insel gleich neben Hydra, wo angeblich Hippolytos und Phädra den Tod fanden zur Trauer ihres Mannes und Vaters Theseus. Nun wurde das Fresko zum Zeugen gegen das Haus.
Er antwortete nicht sofort. Als er sprach, war seine Rede länger als ein Trost und kürzer als eine Belehrung.
„Ich habe dieses Fresko als Junge gefürchtet, obwohl ich damals nicht wusste, warum. Später hielt ich es für eine moralische Warnung vor zu schneller Flucht, dann für ein Kunstwerk, dann für einen Beweis dafür, dass Familien ihre gefährlichsten Geschichten gern an die Decke malen, um nicht darüber sprechen zu müssen. Heute sehe ich, dass Phädra und Hippolytos nicht über uns hängen, sondern real wie Geister zwischen uns wehen.“
Justin sah zu Justine. Sie war bleich, aber klar. Zu klar vielleicht, nachdem sie die Wahrheit über die Verschiedenheit von ihrem und Danes Vater erfahren hatte. Es gibt eine Klarheit, die erst kurz vor dem Zusammenbruch kommt.
„Jetzt muss ich sprechen“, sagte sie, und dann hielt sie inne, als hätte sie selbst gemerkt, dass sie gerade wieder einen Satz hervorgesprudelt hatte wie eine griechische Quellnymphe, um nicht in einen schmutzigen Sumpf zu fallen. Sie begann neu, langsamer und mit einer Stimme, die nicht mehr zum Tisch gehörte. „Valeria hat auch mich erpresst, und ich habe es niemandem gesagt, weil ich es zuerst für politischen Lärm hielt und später für etwas Schmutziges, das ich allein abwaschen wollte. Sie schrieb mir erst mit marxistischen Parolen gegen den Reichtum meiner Familie, als wäre ich eine Bourgeoise aus einem schlechten thüringischen Lehrbuch, eine australische Erbtochter, die sich auf Bühnen in Europa bewundern ließ, während andere Frauen auf Drogheda arbeiteten, ausgebeutet wurden und als Beute der Reichen starben. Dann ließ sie die Parolen fallen und sagte unverhohlen, ich sei eine Diebin ihres Erbes, weil ich als Schauspielerin nur die Rolle der freien Frau spiele, während sie die wahre Emanzipation repräsentiere.“
Justin schloss die Augen, weil er überrascht war, dass Valeria Justine erreicht hatte.
Justine fuhr fort. Sie sprach nicht lauter, aber jedes Wort wurde genauer, wie ein einstudierter Monolog in einer Grillparzertragödie.
„Sie schrieb, ich hätte Dane absichtlich sterben lassen, weil ich als einzige Enkelin ohne ihn an ganz Drogheda komme, und sie schrieb das in Sätzen, die nach Revolution klangen und zugleich nach schlechtem Theater. Sie nannte mich Erbschleicherin, Tochter einer Sünderin, Liebling einer kinderlosen Matriarchin, Mörderin ihres Bruders, und später wurde sie praktischer und verlangte Geld für ihr Schweigen. Ich habe ihr nichts gegeben, weil ich dachte, wer sich so pathetisch ausdrückt, kann nicht gefährlich sein, und vielleicht war das die dümmste Eitelkeit meines Lebens.“


Vittorio hörte mit gesenktem Kopf zu. Justin hatte die Hände zu Fäusten geschlossen, nicht gegen Justine, sondern gegen die Vorstellung, Sebastienne habe Danes Tod gegen Justine verwendet.
Justine sah nun beide Männer an. Ihr Blick war nicht flehend. Er war fast vertrocknet.
„Ihr seht, wie großzügig Valeria ihre Messer verteilt hat. Ich hatte Grund, sie loswerden zu wollen; und dabei wusste ich gar nicht, dass sie auch meine Mutter und Großtante Mary erpresste. Nur Oma Fiona, glaube ich, war wahrscheinlich die einzige, die sie nicht erpresst hat, weil Oma nie genug von sich selbst behalten hat, um daraus einen Erpressungsansatz zu machen.“
Der Satz über Fiona lag schwerer im Stiegenhaus, als Justine erwartet hatte. Er war ungerecht und wahr in gefährlicher Mischung. Fiona hatte ein Leben lang gedient, und gerade das konnte bedeuten, dass Valeria sie unterschätzt hatte. Oder dass Valeria wusste, dass Arbeit manchmal der tiefste Besitz ist.
Justin trat jetzt näher, aber vorsichtig. Seine Rede kam nicht sofort. Er musste erst die Bilder ordnen, ohne sie in ein Verhör zu verwandeln.
„Ich glaube nicht, dass Fiona ohne Wunde ist, nur weil die Erpresserin vielleicht keine Briefe an sie geschrieben hat. Wenn jemand behauptet, Drogheda gehöre einer fremden Tochter von Carl, dann wird auch Fionas ganzes Leben dort angegriffen, ihre Arbeit, ihre Treue, alles, was sie getan hat, ohne es je Besitz nennen zu dürfen. Aber du hast recht, dass Valeria Mary, Meghan und dich direkt in die Hand genommen hat, und dass wir jetzt nicht mehr so tun können, als läge draußen nur eine Fremde.“
Justine nickte kaum. Sie war nicht erleichtert. Sie hatte ihr Motiv offen bekannt, aber sie tat sich auch leicht, denn zum Tatzeitpunkt war sie im Zentrum der Gruppe.


Vittorio wandte sich zur Treppe. Unten war alles dunkel, aber der Duft der schmelzenden Bombé stieg zu ihnen auf.
„Wir müssen vorsichtig sein, wie wir diese Wahrheiten verarbeiten. Wenn wir sie wie Anklagen in den Ring werfen, tun wir Frau Sebastiennes Arbeit posthum für sie, und wenn wir sie verschweigen, lassen wir die offenen Breschen für nächste Erpresserin ungeschützt. Die Tragödie dieser Nacht ist nicht, dass wir keine Motive sehen, sondern dass wir heute das Morgen planen müssen.“
Justine griff wieder nach der Balustrade. Jetzt kam der Satz, den sie vermutlich schon gedacht hatte, bevor sie ihn auszusprechen wagte.
„Bak bleibt trotzdem die einzige, die zum Zeitpunkt des Schreis nicht bei uns war. Mary hätte einen Grund gehabt, sie zu bezahlen, Meghan hätte einen Grund gehabt, sie zu bezahlen, und ich habe einen Grund gehabt, sie zu bezahlen, weil ich skrupellos oder verzweifelt bin. Ich sage nicht, dass Bak es ganz sicher getan hat, aber ich sage, dass Sebastienne genau so gefallen ist, dass die unschuldigste Fremde plötzlich wie die brauchbarste Täterin aussieht, egal, wer von uns dreien sie dazu gemacht hat. Und ich sehe auch, dass ich die Hauptverdächtige bin, denn Großtante Mary und Mutter kannten Sun nicht, bevor ich sie heute auf diese Insel mitbrachte.“
Justin sah sie erschrocken an, nicht weil der Gedanke ihm fremd war, sondern weil er ausgerechnet von Justine kam. Sie stand unter Phädra, sprach von Bezahlung, Verdacht und Fall, und doch klang sie nicht wie eine Büßerin. Sie klang wie jemand, der begreift, dass jede Moorlacke in ihrer Familie eine andere Frau an den Rand einer tödlich versenkenden Klippe stellen könnte.
Vittorio schüttelte langsam den Kopf. Nicht als Ablehnung, sondern als Widerstand gegen die Versuchung, aus der Tragödie eine binäre Logik zu machen.
„Die Koreanerin ist nicht unschuldig, weil sie fremd ist, und sie ist nur verdächtig, weil sie allein im Hof mit der Leiche war. Sie ist eine Frau mit eigener Schuldgeschichte, eigenem Erbe, eigenem Vater, eigenem Bruder, und Mary hat sie benutzt, weil Fremdheit am Tisch immer schneller verdächtig aussieht als altes Leid. Wenn wir jetzt sagen, Mary, Meghan oder Justine hätten Sun bezahlt, dann müssen wir sehr genau wissen, ob wir eine Möglichkeit benennen oder nur Valerias Spiel in die nächste Runde heben.“
Justine richtete ihren Blick auf Hippolytos’ Pferde, deren schreckgeweitete Augen das Meeresungeheuer schon sahen, während der fliehende Knabe noch zurück zum elterlichen Haus schaute, ungeachtet der tödlichen Gefahr vor sich. Justines Gesicht war hart, aber nicht trotzig. Sie hatte in dieser Nacht zu viel gehört, um noch einfach kindisch zu sein.
„Ich benenne die Möglichkeit, weil die Polizei sie auch benennen wird. Ich klage sie trotzdem an, weil es schlimmer wäre, wenn Sun morgen allein hingerichtet wird, während wir alle überrascht und vornehm wegschauen. Und ich betrauere die Möglichkeit von Suns Schuld, weil ich zum ersten Mal sehe, dass Valeria nicht hätte sterben müssen, um uns zu retten; sie starb durch den Bruch ihres Genicks auf dem Steinboden, damit jede von uns sich fragen muss, ob die eigene Erleichterung durch ihren Tod schon Mitschuld an ihrer Ermordung ist.“
Justin sah hinauf zum Fresko. Hippolytos wich zurück. Phädra blieb stehen. Der Himmel hinter ihnen war voller gemalter Unwetter, die seit Jahrzehnten nicht abregneten.
Er sprach leise, aber nicht kurz.
„Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir aufhören müssen, uns zu fragen, wer Valeria hasste, denn fast jede von euch hatte Grund dazu. Die bessere und schrecklichere Frage ist, wer aus Hass Handlung gemacht hätte, und wer nur erleichtert ist, dass jemand anderes, Gott, Zufall oder eine falsche Stufe, die Handlung übernommen hat. Ich weiß nicht, ob das ein Unterschied ist, der für die Polizei genügt, aber für die Seele ist er vielleicht alles; auch wenn er kein Alibi für Bak erzeugt.“
Vittorio sah Justin an. In seinem Blick lag Dankbarkeit, aber auch Sorge. Justin hatte die Gabe, Bilder zu sehen; doch Bilder schützen nicht immer. Manchmal öffnen sie nur weitere Türen.
Vittorio trat in die Mitte des Absatzes. Unter Phädra und Hippolytos wirkte er nicht wie ein Richter, sondern wie ein Geschworener, der zu früh verstanden hatte, dass seine Stimme ein Teil eines Todesurteils werden musste, um wenigstens einige Lebende zu retten.


„Wir sagen niemandem alles. Wir gehen nicht zu Mary, nicht zu Meghan, nicht zu Fräulein Bak, und wir reißen Fiona nicht aus dem blauen Zimmer, nur weil ihre Stille uns langweilt. Wir drei tragen diese Wahrheiten bis zur nächsten Wache in unseren Herzen und Lungen verschlossen, und wenn die Polizei kommt, halten wir zusammen zum Schutz aller, die von der Bombé gegessen haben, selbst wenn wir Valeria Sebastienne dafür noch schlechter machen müssen, als sie schon war.“
Justine sah ihn an. Ihre Stimme war ruhiger, aber nicht beruhigt.
„Ich werde nicht lügen, wenn man mich fragt. Ich werde nicht behaupten, Valeria sei mir fremd gewesen, nur weil es bequemer wäre, nicht als Erbschleicherin beschimpft worden zu sein. Aber ich werde auch nicht meiner Mutter den Namen Ralph an den Kopf werfen, solange sie selbst noch atmet und Dane nicht mehr sprechen kann.“
Justin nickte. Er merkte, dass seine Hand zitterte, und steckte sie in die Tasche, damit Brian es nicht sehen würde, falls er aus dem gelben Zimmer träte.
„Ich werde sagen, was ich gehört habe, wenn es nötig ist, aber ich will nicht derjenige sein, der Marys Kinderwunsch in den Gang trägt wie einen Fundgegenstand. Ich habe durch eine Tür etwas genommen, das nicht mir gehörte, und trotzdem kann ich es nicht einfach zurücklegen. Vielleicht ist Lauschen in dieser Nacht eine Schuld, die man tragen muss, weil sie jemanden beschützt.“
Vittorio nickte langsam. Dann sah er wieder zum Fresko. Seine Rede war fast ein Gebet, aber es hatte weder Artemis noch Aphrodite als Adressatin.
„Phädra liebte falsch, Hippolytos starb stolz unschuldig, und alle erklärten danach, sie hätten nur den Gesetzen von Ehre, Reinheit oder göttlicher Ordnung gehorcht. Ich fürchte, Familien tun das seit Jahrtausenden: Sie machen aus Begehren ein Gesetz, aus Scham ein Schweigen und aus einem toten Kind einen Mythos. Wir werden heute Nacht wenigstens versuchen, nicht denselben Fehler mit Dane zu machen.“
Justine hörte den Namen ihres Bruders, ihres Halbbruders wie sie sich korrigierte, in diesem Satz und schloss kurz die Augen. Ihr Bruder erschien in aller Güte vor ihr, als jugendlicher Hippolytos und lächelte ihr zu: weine nicht um mich, Jussie!
Unten im Haus schlug eine Tür leise gegen den Rahmen. 
Keiner der drei ging sofort nachsehen. Sie blieben unter Phädra und Hippolytos, drei Wachende in einem Stiegenhaus, das plötzlich dunkler wirkte als der Rest der Villa. Hinter ihnen lagen rote, grüne, gelbe und blaue Zimmer. Vor ihnen lag der Rest der Wache. Und zwischen ihnen lag die Erkenntnis, dass Valeria Sebastienne nicht die Tragödie in dieses Haus gebracht hatte. Sie hatte nur mit ihrem Todesschrei das Drama in dieser griechischen Kulisse eröffnet.

Please Login in order to comment!