Das blaue Zimmer war der erste Raum dieser Nacht, der Fiona an zuhause erinnerte.
Selbst die Wasserkrüge wirkten, als hätten sie eine australisch-neuseeländische Herkunft. Aber das Blau dieses Zimmers war nicht prahlerisch. Es lag in kobaltenen Schichten übereinander: blass wie ein Morgen über Neuseeland, dunkel wie die Tasmansee, grünlich an den Rändern wie Wasser über einem Riff, tief und stumpf in den Vorhängen wie die Farbe alter Arbeitskleider, die zu oft gewaschen worden waren. An den Wänden hingen fromme Bilder von Palmenkapellen in der Mission, daneben Karten, Seevögel, ein gerahmter Druck eines Segelschiffes und ein kleines geschnitztes Idol, das aussah, als habe jemand den heiligen Augustinus aus Palmblättern gefaltet.
Auf dem Bett lag eine Decke aus blauem und grauem Wollstoff. Fiona berührte sie prüfend. Sie dachte an Kälte, Arbeit, Schafe, Hände, die am Abend rau waren und trotzdem am nächsten Morgen wieder begannen, die tägliche Arbeit für das tägliche Brot zu bewältigen.
Wolfgang stand an der Tür und zog sie ganz zu. Er wirkte in diesem Zimmer fehl am Platz, aber nur ein bisschen verloren. Seine dunkle Kleidung, seine wachen Augen und der unrasierte Schatten an seinem Kinn machten aus dem blauen Raum eine Kajüte kurz vor einem Sturm.
Fiona setzte sich nicht sofort. Sie ging zuerst zum Fenster. Draußen lag kein Pazifik, kein Australien, kein Neuseeland. Nur die griechische Nacht, Mondlicht und der dunkle Umriss der Klippen mit der weißen Kapelle an der höchsten Stelle. Trotzdem war das Zimmer das erste, in dem sie nicht glaubte, von Australiern beobachtet zu werden.
Wolfgang trat vom Türrahmen fort und blieb höflich stehen, als wartete er auf eine Anweisung.
„Ich kann auf dem Boden schlafen, wenn Ihnen das lieber ist, oder auch in der Badewanne, mit einem Handtuch als Kopfpolster. Ich habe schon an schlechteren Orten geschlafen als auf einem sauberen Teppich in einem reichen Haus, und meistens gab es dort nicht einmal passende Handtücher im Bad. Sie müssen also nicht so tun, als wäre es eine Zumutung für mich, wenn Sie das Bett für sich allein beanspruchen.“
Fiona sah ihn über die Schulter an. Es war ein prüfender Blick, kein unfreundlicher.
„Ich habe nicht angenommen, dass Sie empfindlich sind, Herr Bogdanow. Wer in Ihrem Alter noch so aufmerksam an Türen steht, hat entweder zu viel Angst oder zu viel Erfahrung, und ich glaube nicht, dass es bei Ihnen die Angst ist. Sie dürfen den Sessel nehmen. Ihre Mutter ist sicher stolz auf Ihre guten Manieren.“
„Wir reden nicht über meine Mutter!“ fauchte Wolfgang ungewöhnlich scharf. Dann betrachtete er den Sessel. Er war blau gepolstert, mit niedrigen Armlehnen und einem kleinen Kissen, das vermutlich niemandem nützte, der kein fünfjähriges Kind mehr war.
„Der Sessel ist hübsch. Ich kann mich hineinsetzen, wenn es Sie glücklich macht. Trotzdem nehme ich ihn gern, weil ich gelernt habe, dass ältere Damen manchmal Regeln aufstellen, die klüger sind als es auf den ersten Anschein wirken mag.“
Fiona ging nun doch zum Bett und setzte sich auf die Kante. Sie zog die Schuhe nicht aus. Eine Frau, die in ihrem Leben oft genug nachts hatte aufstehen müssen, behielt ihre Schuhe gern noch eine Weile an.
„Ältere Damen wissen, dass Möbel weniger gefährlich sind als Menschen, weil sie Gegenstände sind, die ohne eigenen Willen von hier nach dort geschoben werden. Sie müssen mich nicht fürchten, und ich fürchte Sie nicht besonders, obwohl Sie wahrscheinlich mehr Gesetze gebrochen haben als alle Bischöfe, die heute Abend in Nebensätzen erwähnt wurden. Ich habe mein Leben damit verbracht, Rechnungen, Arbeiter, Schafe, Krankheiten, Wetter und Familienkränkungen zu ordnen; ein Dieb auf einem Sessel bringt mich nicht aus der Fassung.“
Wolfgang setzte sich langsam. Der Sessel ächzte, als hätte schon lange niemand mehr darauf gesessen.
„Sie sagen Dieb sehr ruhig. Die meisten Menschen machen daraus ein Urteil, aber bei Ihnen klingt es fast wie ein Beruf mit eigenen Werkzeugen. Ich weiß nicht, ob ich das beleidigend oder erregend finden soll.“
Fiona faltete die Hände im Schoß. In diesem Zimmer gab es nur Blau, Wolle und Konzentration.
„Ein Beruf ist eine Tätigkeit, die regelmäßig ausgeübt wird und nach gewissen Methoden verlangt. Ich habe nicht die romantische Vorstellung, dass Eigentum nur heilig ist, wenn es den Richtigen gehört, denn ich habe zu viele reiche Menschen gesehen, die mit ihrem Besitz schlechter umgingen als arme Menschen mit fremden Pfannen. Aber ich weiß auch, dass gestohlene Dinge irgendwo fehlen, und deshalb werde ich Diebstahl nicht für eine moralistische Form der Umverteilung halten.“
Wolfgang lächelte überrascht.
„Sie klingen katholisch pragmatisch. Das ist eine gefährliche Mischung, weil man nie weiß, ob gleich vergeben oder inventarisiert wird. Bei mir zu Hause wurde Schuld mehr hinter Ikonenlicht und altem Rauch behandelt, weniger nach Listen, aber am Ende wollte auch dort immer jemand wissen, wer bezahlt.“
Fiona sah ihn an. Zum ersten Mal an diesem Abend war in ihrem Blick ein kleines, trockenes Interesse.
„Sie sind orthodox, nicht wahr? Sie tragen es nicht vor sich her, aber Sie haben diese Art, Schuld als etwas zu betrachten, das weniger erklärt als ausgehalten werden muss. Katholiken verwalten Schuld gern in Tabellen und Bußbüchern, Orthodoxe flehen unter Goldgrund und Weihrauch um Barmherzigkeit.“
Wolfgang lachte leise. Drei Sekunden lang sah er jünger aus.
„Das ist vermutlich ungerecht, aber nicht dumm. Ich bin nicht besonders fromm, doch ich kenne den Geruch von Kirchen, in denen Menschen ihre Schande vor Bildern abstellen, weil sie sie nicht nach Hause tragen wollen. Vielleicht erkenne ich deshalb, wenn jemand seine Schuld so sauber faltet, dass niemand merkt, wie viel Blut am Stoff ist. Ich gehe gern in Kirchen, nicht um Ikonen oder Leuchter zu stehlen, sondern weil ich irgendwie darauf warte, dass Gott mir irgendwann erklärt, warum er den Witz des Lebens erschaffen hat, wenn Tod so viel entspannender ist.“
Fiona wurde still.
Das blaue Zimmer schien sich um sie herum zu verdunkeln, obwohl die Lampe unverändert brannte. Draußen schlug Wasser gegen Stein. Es klang, als wiederhole das Meer einen Satz, den niemand verstand.
Wolfgang sah sie nicht triumphierend an. Er hatte nichts entdeckt, worüber er sich freuen konnte. Trotzdem war der Verdacht nun im Raum.
„Denken Sie an die entspannte Tote draußen? Sie hatten Streit mit Valeria Sebastienne. Ich weiß nicht, wann, und ich weiß nicht, mit welchen Worten, aber ich habe am Tisch gesehen, dass ihr Name Sie nicht wie ein fremder Name traf. Mary wurde hart, Meghan zerbrach noch mehr, Justine wurde laut, aber Sie wurden still auf eine Weise, die ich von Leuten kenne, die bereits entschieden haben, welche Schublade sie abschließen.“
Fiona senkte den Blick auf ihre Hände. Sie waren alt, aber nicht schwach. Hände, die gebügelt, gekocht, gewaschen, gezählt, geschrieben und getragen hatten. Hände, die viel zu selten gestreichelt worden waren.
„Sie beobachten gut für einen Mann, der sich angeblich nur mit dem Knacken von Schlössern und den gemeinsamen Beutezügen mit seinem Freund Felix beschäftigt. Ich hatte keinen Streit im Sinne einer lauten Auseinandersetzung mit Frau Sebastienne, denn laute Auseinandersetzungen sind meist nur der Teil der Konflikte, die arme Menschen sich leisten müssen. Ich hatte Briefe, Nachforschungen, einen kurzen Besuch, der nie hätte stattfinden dürfen, und am Ende eine Entscheidung, die mir sauberer erschien als Hass.“
Wolfgang beugte sich im Sessel vor. Der Sessel knarrte warnend.
„Sauberer als Hass klingt gefährlich. Wenn jemand wie ich Hass hat, nimmt er ein Auto, eine Tasche, einen Safe oder einen schlechten Plan, und hinterher kann man wenigstens die Dummheit zählen. Wenn jemand wie Sie etwas sauber nennt, dann stehen vermutlich Aktenordner, Ärzte, Anwälte oder eine Flasche Gift auf dem Tisch.“
Fiona sah auf, und diesmal lag in ihrem Gesicht etwas, das Wolfgang nicht erwartet hatte: nicht Scham, sondern ein harter, beinahe jugendlicher Trotz.
„Valeria warf mir vor, ich hätte Paddy Cleary nur verführt, weil Mary sich den reichen Carl Carson gesichert hatte. In ihrer Version war ich die kleine berechnende Schwägerin, die sah, dass die große Schwägerin in Drogheda einheiratete, und deshalb den armen Paddy nahm, um über Kinder doch noch an die Farm zu kommen, weil ich Marys Fruchtbarkeit vergiftet hätte. Sie schrieb das mit solcher Gewissheit, dass ich fast lachen musste, wenn es nicht so gemein gewesen wäre.“
Wolfgang sagte nichts. Er wusste inzwischen, wann ein Schweigen mehr öffnete als eine Frage.
Fiona zog langsam einen Schuh aus. Dann den anderen. Sie stellte sie nebeneinander, exakt parallel.
„Meine Familie in Neuseeland war reicher als die Carsons. Nicht nur ein bisschen besser gestellt, sondern wirklich reicher, sicherer, angesehener, mit Möglichkeiten, die Paddy nie hatte und nie hätte haben können. Ich heiratete ihn nicht, weil ich mir durch ihn etwas holen wollte, sondern weil ich unehelich schwanger war und weil in jener Welt eine junge Frau mit einem Kind und ohne Ehemann sehr schnell von ihrer eigenen Zukunft getrennt wurde. Ich habe in meinem Leben - und das wird sie als promisken Mann von heute wundern - nur mit zwei Männern geschlafen. Einer davon war mein Mann Paddy, mit dem ich 9 Kinder hatte.“
Sie faltete die Hände wieder. Diesmal zitterten sie nicht, aber der Raum wusste plötzlich, dass sie hätten zittern können.
„Ich habe Paddy nicht aus Berechnung geheiratet, und ich habe ihn auch nicht aus jener reinen Liebe geheiratet, die er verdient hätte. Ich heiratete ihn, weil es notwendig war, weil mein Fehler einen Namen brauchte und weil Paddy trotz all seiner Härte ein Mann war, der die Last annahm, ohne sie in der Kirche auszurufen. Valeria nahm also das Lächerlichste an meinem Leben und machte daraus ein Komplott, weil Menschen wie sie immer glauben, dass jede Frau heimlich nach dem Besitz greift, den Männer offiziell verwalten.“
Wolfgang lehnte sich zurück. In seinem Gesicht stand nun nicht Spott, sondern Respekt.
„Das war eine dumme Erpressung. Nicht ungefährlich, weil dumme Erpressungen oft besonders viel Schaden machen, aber dumm in der Konstruktion. Sie hat die Hierarchie falsch gelesen, das Geld falsch gelesen, Paddy falsch gelesen und Sie am allermeisten falsch gelesen. Sie stammen aus einer reichen Familie, aber haben trotzdem nicht den Mann geheiratet, den Sie geliebt haben, warum?“
Fiona nickte langsam.
„Das werden Sie lustig finden: Mein Großmutter war eine Tochter des Herzogs von Leinster. Doch sie hat aus Liebe nur einen Bruder des Markgrafen von Conyngham geheiratet, der in Neuseeland allerdings Schatzmeister wurde. Deren Sohn heiratete eine Gräfin, meine Mutter. Und dann kam ich als naive Fünfzehnjährige in den Sommerferien von der Klosterschule zurück auf unser Anwesen und traf meinen Traumprinzen, oder zumindest Traumherzog.“
Wolfgang merkte, dass ihm dieser Satz wie ein Schlag ins Gesicht wurde. Denn es war etwas Wehmütiges daran, dass ihn seine eigene Geschichte hervorquellen machte.
„Ich denke nicht, dass ich das hören…“
Fiona machte eine gebieterische Geste, als wäre sie im Geiste wieder zurück im elterlichen Schloss. „Er versprach, mich zu heiraten. Und ich konnte das ganze nächste Schuljahr an nichts anderes denken. Ich schrieb ihm Briefe, einmal pro Tag, er antwortete einmal im Monat mit einer freundlichen Postkarte. Im nächsten Sommer geschah es, und obwohl uns der kirchliche Segen fehlte, wurde ich schwanger.“ Sie zögerte einen Augenblick. „Er hat mich nicht geheiratet, denn er wollte den Skandal einer Scheidung von seiner Herzogin nicht riskieren. Er hat sie nicht geliebt, sie war sieben Jahre älter als er und hatte keine Kinder. Und da hätte er mich haben können, die sechzehnjährige, naive und fruchtbare kleine Markgräfin.“
Wolfgang schnitt in den Satz: „Wie alt war er?“
Fiona wurde wie aus einer Trance gerissen. „Was?“
„Wie alt war dieser Herzog?“
Fiona fühlte sich plötzlich beschämt, obwohl sie selbst mit der Erzählung begonnen hatte. „Er war fünfunddreißig, aber ein wunderbarer Mann, schön, elegant, kultiviert. Alles das, was Paddy nicht war. Aber Paddy war unser Gärtner und meine Eltern drängten ihn, mich trotz der Schwangerschaft zu heiraten. Er hat es getan und ich war ihm immer treu und habe wie gesagt, neun Kinder für ihn geboren. Und dann kommt so eine Valeria Sebastienne daher und behauptet, ich hätte mir Paddy gekrallt, um auf Drogheda zugreifen zu können. So dumm muss man einmal sein!“
Wolfgang schaute finster. „Und was haben Sie daher gegen die Sebastienne unternommen?“
„Ich habe einen Privatdetektiv beauftragt. Ich habe nicht geschrien, sondern gebetet und darauf gewartet, dass diese Frau sich in ihren eigenen Dummheiten erstickt.“
Fiona sah Wolfgang scharf an. Doch dann erkannte sie, dass er nicht geraten hatte, sondern nur ihre Methode verstand.
„Ich habe einen Mann in Sydney beauftragt, später auch einen in Europa. Ich wollte wissen, wer sie war, wer sie bezahlte, mit wem sie schrieb, wo sie wohnte, ob sie Schulden hatte, ob sie einer politischen Gruppe angehörte und ob es irgendeinen rechtmäßigen Weg gab, sie verhaften zu lassen. Wenn sich kein Verbrechen fand, dann vielleicht eine Einweisung in eine Nervenheilanstalt auf lebenslange Therapie, wenn sie gefährlich genug war; und wenn auch das nicht ging, eine Ausweisung in ein Land, das sie selbst in ihren Parolen so gern lobte, ohne dort leben zu müssen: Die Sowjetunion, um ihre kommunistischen Phantasien am eigenen Leib und hinter einem eisernen Vorhang zu verbringen, der das britische Empire von der bolschewistischen Hölle trennt.“
Wolfgangs Augen wurden lebendig.
„Sie wollten sie in die Sowjetunion abschieben lassen. Das ist kalt, streng und auf eine sehr katholische Weise beinahe elegant, weil niemand Blut sieht und trotzdem jemand verschwindet. Ich muss sagen, Frau Cleary, ich habe Ihnen weniger Leidenschaft zugetraut und viel weniger kriminelle Phantasie. Aber ich muss Ihnen als echter russischer Streuner in Berlin zumindest aus der polnischen Volksrepublik eine Enttäuschung mitbringen: Auch in der bolschewistischen Hölle, wie Sie es nennen, gibt es Erpresserinnen, Kriegsgewinnlerinnen und Frauen, die vor nichts zurückschrecken.“
Fiona hob das Kinn.
„Ich wollte sie nicht töten. Ich wollte sie entfernen, und das ist ein Unterschied, den ein Verwaltungsverstand sehr ernst nimmt. Eine Verhaftung wäre mir recht gewesen, eine Einweisung vielleicht besser, eine Ausweisung am besten, weil sie dann noch gelebt hätte, aber nicht mehr in der Nähe meiner Familie.“
Sie hielt inne. In der Pause lag das Geräusch des Meeres.
„Sie dürfen mich dafür verachten, wenn Sie möchten. Es wäre nicht die erste Verachtung, mit der ich umgehen müsste. Aber ich werde nicht so tun, als hätte ich aus reiner christlicher Milde gewartet, bis Valeria die Frauen meiner Familie eine nach der anderen zerlegt.“
Wolfgang sah sie lange an. Dann legte er die Hände auf seine Knie, als spreche er vor einer Ikone, aber mit dem Respekt eines Einbrechers.
„Ich verachte Sie nicht. Ich bin beeindruckt, und das ist vielleicht schlimmer, weil es zeigt, wie wenig ich Ihnen vorher zugetraut habe. Sie haben wie eine Frau gehandelt, die ihr ganzes Leben lang gelernt hat, dass offene Wut bestraft wird, und die deshalb aus Wut Verwaltung macht.“
Fiona antwortete nicht sofort. Das Wort Verwaltung stand zwischen ihnen und war plötzlich nicht trocken, sondern gefährlich.
„Ich habe Drogheda verwaltet, weil irgendjemand es tun musste. Ich habe Kinder, Löhne, Vorräte, Krankheiten, Geburten und Beerdigungen verwaltet, weil Männer zu oft glaubten, ihre großen Gefühle seien bereits Arbeit. Vielleicht haben Sie recht, und ich habe sogar meine Wut verwaltet, bis sie in Spalten passte.“
Wolfgang nickte langsam.
„Das ist mutiger, als Sie glauben. Nicht sauberer, nicht unschuldiger, aber mutiger. Ich kenne Leute, die mit einer Pistole sehr laut werden und nach fünf Minuten weniger Entschluss haben als Sie mit einem Brieföffner und einer Adresse in Sydney.“
Fiona sah ihn an, und um ihren Mund bewegte sich etwas. Kein richtiges Lächeln. Aber auch kein Schmerz.
„Sie haben eine erstaunliche Art, einer alten Frau Komplimente zu machen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich geehrt oder verdächtigt fühlen soll, und vermutlich ist beides angebracht. Vielleicht hätte man mir früher öfter sagen sollen, dass Ordnung nicht das Gegenteil von Leidenschaft ist.“
Wolfgang streckte die Beine aus, dann zog er sie wieder ein, weil der Sessel ihm endgültig den Rücken verbog.
„Der Sessel ist nicht so bequem, wie er aussieht, zumindest nicht für jemanden von meiner Statur.“
Fiona sah zum Bett. Es war breit genug. Zu breit für Anstand, wenn man jung war. Breit genug für Vernunft, wenn man alt genug war.
„Das Bett ist groß, und ich bin müde. Sie dürfen auf der anderen Seite schlafen, weil ich nicht glaube, dass Sie dumm genug sind, eine Frau zu belästigen, die Ihnen eben erklärt hat, wie sie Feinde durch Akten erledigt. Aber Sie behalten Ihr Hemd an, Herr Bogdanow, denn ein Mindestmaß an Anstand ist auch im Kriminellenbett zu wahren.“
Wolfgang sah sie an. Dann begann er zu lachen, leise zuerst, dann wärmer, aber nie laut genug, um den Gang zu wecken.
„Ich verstehe Sie vollkommen. Das Hemd bleibt an, die Hände bleiben bei mir, und falls ich schnarche, dürfen Sie mich mit einem katholischen Ellenbogen in orthodoxe Rippen stoßen. Ich habe viele seltsame Befehle in meinem Leben bekommen, aber dieser gehört zu den besseren.“
Fiona zog die Decke zurück. Sie tat es mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die jahrzehntelang Betten gemacht hatte und nun endlich eines für sich beanspruchte. Dann knöpfte sie ihre schwarze Weste auf und legte das Gewandstück sauber über die Lehne des Sessels, aus dem Wolfgang aufgestanden war. Er zog seine Schuhe aus, dann die Socken.
„Sie haben gesagt, dass Sie nicht über Ihre Mutter sprechen. Und dann haben Sie mich nach dem Altersunterschied zwischen mir und dem Herzog gefragt. Sie müssen jetzt nicht antworten, aber lag es daran, dass Ihre Mutter ebenfalls jung und unverheiratet schwanger geworden ist?“
Fiona zog ihr Kleid aus und legte es ebenfalls über die Sessellehne, dann stieg sie mit dem Unterkleid ins Bett und deckte sich zu. Sie sah zu Wolfgang, der wie erstarrt neben dem Sessel stand, barfüßig schon.
„Sie waren sehr ehrlich zu mir, aber ich weiß nicht, ob Sie meine Ehrlichkeit aushalten könnten, weil ich es selber kaum vermag.“
Er zog die Hose aus und warf sie zu den Socken. Fiona blickte zu ihm, aber drängte nicht.
Wolfgang sog tief Luft ein. Als müsse er sein Bekenntnis unterstreichen, zog er die Unterhose aus und warf sie auf den Gewandhaufen, nur das Hemd behielt er an. Fiona wandte den Blick nicht ab, Wolfgang hatte das auch nicht erwartet. „Meine Mutter war auch sechzehn. Und mein Vater…“ Wolfgangs Stimme brach.
Fiona zögerte. Dann schlug sie die Decke zurück und stieg aus dem blau bezogenen Bett. Sie kam zu Wolfgang und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ihre Mutter hat Sie geliebt, sonst könnten Sie nicht so von ihr sprechen. Und was immer sonst passiert ist, diese Liebe ist nie gebrochen.“
Wolfgang schloss die Augen. „Mein Vater…hat sie nicht geliebt, nur benutzt. Sie musste ihm den Haushalt machen, sein Diebesgut verhökern und den Alkohol besorgen, mit dem er sich wegsoff.“
„Das tut mir leid. Jetzt verstehe ich, warum Sie nicht um ihn trauern können: er hat den Menschen verletzt, den Sie geliebt haben: Ihre Mutter. Hat er auch Gewalt angewandt?“
Wolfgang nickte. Er schluckte und blickte zu Boden. „Aber das Schlimmste war, meine Mutter…meine Mutter war seine Tochter!“ Wolfgangs Stimme brach erneut. Er verschloss die Augen vor Scham, doch Fiona zog ihre großmütterliche Hand nicht zurück, sie zeigte keine Andeutung von Entsetzen oder Unverständnis.
„Für Sie war es Ihre Mutter, nur das zählt.“
Wolfgang öffnete die Augen und versicherte sich, dass Fiona wirklich vor ihm stand und nicht vor Abscheu zurückwich. „Als er es mir in einem Streit zugeschrien hatte, rannte sie fort und warf sich in die Spree. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich auf den Tag gewartet habe, an dem er stirbt. Und keine Höllendarstellung auf einer Ikone kann ausdrücken, was ich ihm gewünscht habe.“
Es gab in diesem Augenblick Wichtigeres als die Form, und wenn eine alte Frau etwas gelernt hatte, dann dies: Nicht jede Verletzung der höflichen Anrede muss auch noch korrigiert werden.
Er atmete tief durch, um wieder in seine harte Schale zurückzufinden. Sanft wischte er Fionas Hand von seiner Schulter und hob kühn ihr Kinn nach oben.
„Ich gehorche, Frau Cleary, nein Gräfin Cleary.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Wir sind beide stark genug, um nicht durch die Fehler unserer Vorfahren und die Grausamkeit unserer Eltern zerbrochen zu werden. Genießen wir dieses blaue Zimmer nicht, weil ich plötzlich ein anständiger Mensch geworden bin, sondern weil ein klarer Befehl von einer Frau mit Ihrer Verwaltungsgeschichte ernster zu nehmen ist als jede Drohung von Wolfgangscher Art. Außerdem bin ich neugierig, ob ich neben jemandem schlafen kann, der eine Ausweisung in die Sowjetunion für eine saubere Lösung hält.“
Fiona blickte ihn noch einmal nachdenklich an, dann nickte sie mit einer gewissen, fast komplizenhaften Ruhe. Sie legte sich auf ihre Seite, den Rücken gerade, die Hände vor sich auf der Decke. Sie wartete, bis Wolfgang auf der anderen Bettseite lag. Zwischen ihnen blieb ein Abstand, breit genug für Anstand, schmal genug für eine neue Art von Vertrauen.
„Sie werden neben mir schlafen, nicht neben meinen Methoden. Ich bin eine sehr alte Katholikin, Herr Bogdanow, und wir überleben nicht, weil wir immer die Wahrheit sagen, sondern weil wir wissen, wann wir beichten müssen.“
Wolfgang kicherte tatsächlich. Nicht spöttisch, sondern fast glücklich, als hätte er in diesem strengen blauen Zimmer eine unerwartete Vertraute gefunden.
„Das ist die schönste Drohung, die ich seit Jahren gehört habe. Ich werde schweigen wie ein Beichtstuhl, obwohl meine Kirche andere Möbel bevorzugt. Gute Nacht, Gräfin Cleary, und falls Sie Valeria wirklich nur verwalten wollten, dann war sie eine größere Närrin, als ich dachte, weil sie nicht begriffen hat, mit wem sie es zu tun hatte.“
Fiona schloss die Augen.
„Gute Nacht, Herr Bogdanow. Schlafen Sie jetzt, bevor Sie noch höflicher werden und ich meine Meinung über Sie ändern muss. Und lassen Sie das Hemd an, denn ich habe schon genug von Ihnen gesehen.“
Wolfgang zog die Decke bis zur Brust und lag still. Sein Hemd blieb an. Sein Grinsen konnte Fiona nicht sehen, aber sie hörte es.
Das blaue Zimmer wurde ruhig genug, dass zwei Menschen, die einander vor wenigen Stunden noch kaum kannten, auf demselben Bett lagen: die Katholikin und der Orthodoxe, die Verwalterin und der Dieb, die Frau der Listen und der Mann der Schlösser.
Zwischen ihnen lag keine Unschuld. Nur ein ordentlich gemachter Abstand, ein geteiltes Geheimnis und das leise Gefühl, dass manche Bündnisse nicht aus Vertrauen entstehen, sondern aus der plötzlichen Erkenntnis, dass der andere die eigene Schuld nicht falsch versteht.


